Das Orakel von Delphi war die bedeutendste Weissagungsstätte des antiken Griechenlands. Im Tempel des Gottes Apollon am Parnass sprach eine Priesterin, die Pythia, auf einem Dreifuß sitzend die Antworten des Gottes. Könige, Stadtstaaten und einfache Ratsuchende befragten das Orakel über tausend Jahre lang, vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis um 390 n. Chr. Die Griechen hielten Delphi für den Nabel der Welt; heute ist die Kultstätte UNESCO-Welterbe.
Einfach erklärt: Delphi war in der Antike einer der wichtigsten Orte der griechischen Welt, an dem Menschen das Orakel um Rat fragten, wenn sie Fragen bezüglich der Zukunft hatten oder vor einer großen Entscheidung standen. Um das Orakel von Delphi ranken sich viele Geschichten: rätselhafte Sprüche, betäubende Dämpfe aus einer Erdspalte, eine Seherin in Trance. Manches davon ist gut belegt, anderes wurde erst Jahrhunderte später erzählt. Dieser Artikel trennt beides. Er zeigt, wo Delphi liegt, wie die Pythia arbeitete, welche Orakelsprüche berühmt wurden, was die Inschrift „Erkenne dich selbst“ bedeutet und was die Wissenschaft über die Gase im Tempel herausgefunden hat. Was ein Orakel allgemein ist und welche Arten es gibt, erklärt der Beitrag Was ist ein Orakel?.
Das Orakel von Delphi auf einen Blick
| Frage | Kurz beantwortet |
| Wo lag das Orakel? | In Delphi in Mittelgriechenland, am Südwesthang des Parnass, hoch über dem Tal des Flusses Pleistos und rund 200 Straßenkilometer von Athen entfernt. |
| Welchem Gott war es geweiht? | Apollon, dem Gott des Lichts, der Musik und der Weissagung. Vor ihm soll die Erdgöttin Gaia den Ort besessen haben. |
| Wer sprach die Orakel? | Die Pythia, eine Priesterin aus Delphi. Priester brachten ihre Worte oft in Versform. |
| Wie lange bestand es? | Greifbar ist das Orakel ab dem 8. Jahrhundert v. Chr.; es endete um 390 n. Chr. unter dem christlichen Kaiser Theodosius I. |
| Was stand am Tempel? | „Erkenne dich selbst“ (gnōthi seautón), „Nichts im Übermaß“ und ein rätselhaftes E. |
| Berühmtester Orakelspruch? | Die Antwort an König Krösus von Lydien: Wenn er gegen die Perser ziehe, werde er ein großes Reich zerstören. Er zerstörte sein eigenes. |
| Kann man es besichtigen? | Ja. Die Ausgrabungsstätte und das Museum von Delphi sind seit 1987 UNESCO-Welterbe. |
Wo liegt das Orakel von Delphi? Lage am Golf von Korinth und Karte
Delphi liegt in der Landschaft Phokis in Mittelgriechenland, am Südwesthang des Parnass-Gebirges. Unter den steilen Felswänden, den Phädriaden, öffnet sich das Tal des Pleistos, das zum Golf von Korinth hinunterführt. Vom Heiligtum aus sieht man über Olivenhaine bis zum Meer bei Itea. Die moderne Stadt Delphi liegt gleich neben der Ausgrabungsstätte; nächster größerer Ort in den Bergen ist Arachova. Auf einer Karte bei OpenStreetMap findest Du die Stätte bei 38°28′56″ Nord und 22°30′05″ Ost.
| Merkmal | Angabe |
| Region | Phokis, Mittelgriechenland |
| Gebirge | Parnass (Südwesthang, unter den Felsen der Phädriaden) |
| Tal und Küste | Tal des Pleistos, Blick zum Golf von Korinth bei Itea |
| Koordinaten | 38°28′56″ N, 22°30′05″ E |
| Entfernung von Athen | rund 200 Kilometer auf der Straße von der griechischen Hauptstadt Athen, etwa zweieinhalb Stunden mit dem Auto |
| Alter Name | Pytho |
| UNESCO-Welterbe | seit 1987 („Archaeological Site of Delphi“, Nr. 393) |
Warum gerade hier? Der Mythos gibt eine klare Antwort: Zeus ließ zwei Adler von den beiden Enden der Welt losfliegen, einen von Osten und einen von Westen. Sie trafen sich über Delphi, und damit war der Mittelpunkt der Welt gefunden. Delphi als Mittelpunkt der Erde: Dieses Bild machte den Ort für alle Griechen heilig. Ein Stein, der Omphalos, markierte diesen Nabel der Welt; eine Nachbildung aus Marmor steht heute im Museum von Delphi. Die UNESCO beschreibt Delphi als das religiöse Zentrum und Symbol der Einheit der griechischen Welt im 6. Jahrhundert v. Chr. (UNESCO: Archaeological Site of Delphi).
Wie das Orakel von Delphi entstand: Gaia, Python und Apollon in der Mythologie
Nach der griechischen Mythologie gehörte Delphi zuerst der Erdgöttin Gaia. In der Tragödie „Die Eumeniden“ des Aischylos zählt die Pythia zu Beginn die Herrinnen des Orakels auf: zuerst Gaia, dann Themis, dann Phoibe, zuletzt Phoibos Apollon. Bewacht wurde der Ort von Python, einem gewaltigen Drachen oder einer Schlange, die Gaia geboren hatte. Apollon tötete Python, um seine Mutter Leto zu rächen, die von dem Ungeheuer verfolgt worden war, und nahm die Stätte in Besitz. Seitdem war er der Gott von Delphi, bei den Römern Apollo genannt.
Von Python leiten sich viele Namen ab: Pytho hieß Delphi in den ältesten Texten, die Priesterin hieß Pythia, und die Wettkämpfe zu Ehren Apollons hießen Pythische Spiele. Der Name Delphi selbst hängt wohl mit dem griechischen Wort delphys für Gebärmutter zusammen, was zum Bild vom Nabel der Welt passt. Der homerische Hymnus an Apollon erzählt eine zweite Geschichte: Apollon habe in Gestalt eines Delphins ein Schiff aus Kreta nach Delphi gelenkt und die Seeleute zu seinen ersten Priestern gemacht.
Die Archäologie zeichnet ein nüchterneres Bild. Die ältesten Spuren an diesem Ort reichen in die mykenische Zeit zurück. Als Orakel wird Delphi ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. greifbar, als die griechischen Stadtstaaten entstanden und Kolonien rund um das Mittelmeer gründeten. Nach einer Überlieferung beim Geschichtsschreiber Diodor entdeckten Hirten den Ort, weil ihre Ziegen an einer Erdspalte seltsam zu springen begannen und die Menschen dort in Verzückung gerieten.
Die Pythia: Wer war die Priesterin von Delphi?
Die Priesterin Pythia war keine Wahrsagerin im heutigen Sinn, sondern eine Priesterin mit festem Amt. Sie stammte aus Delphi, musste ein untadeliges Leben führen und wurde, so nimmt man an, aus einer Gruppe von Tempeldienerinnen gewählt, wenn ihre Vorgängerin starb. Anfangs war die Pythia eine junge Frau. Nach dem Geschichtsschreiber Diodor änderte sich das, nachdem ein Mann namens Echekrates aus Thessalien eine junge Pythia entführt und vergewaltigt hatte: Danach wählte man Frauen über fünfzig, die aber weiterhin die Kleidung eines jungen Mädchens trugen.
Vor dem Orakeltag reinigte sich die Pythia im Wasser der Kastalischen Quelle, der Kastalia, und trank aus der Quelle Kassotis. Dann stieg sie in das Adyton hinab, den unzugänglichen innersten Raum des Apollontempels, setzte sich auf einen Dreifuß und hielt einen Lorbeerzweig, die heilige Pflanze Apollons. In diesem Zustand, den antike Autoren als Ergriffenheit durch den Gott beschrieben, sprach sie die Antworten. Die Priester, die Prophetai, gaben sie an die Ratsuchenden weiter und fassten sie oft in Hexameter, das Versmaß der Epen.
Wie groß der Andrang war, zeigt eine Bemerkung von Plutarch, der um 100 n. Chr. selbst Priester in Delphi war: In der Blütezeit habe es zwei Pythien gegeben, die sich abwechselten, und eine dritte in Reserve; zu seiner Zeit genüge eine. Plutarchs Schriften über Delphi sind die wichtigste Quelle über den Alltag des Orakels, auch wenn sie aus seiner Spätzeit stammen. Dass eine Frau die Stimme des höchsten Orakels der Griechen war, in einer Gesellschaft, die Frauen sonst kaum Macht zugestand, beschäftigt die Forschung bis heute; wer sich für die Rolle von Intuition und weiblicher Wahrnehmung interessiert, findet dazu mehr im Beitrag weibliche Intuition.
Wie lief eine Befragung des Orakels ab?
Wer das Orakel von Delphi befragen wollte, brauchte Zeit und Geld. Ein Ratsuchender reiste oft wochenlang an, und nicht jeder kam an die Reihe. Ursprünglich sprach die Pythia nur einmal im Jahr, am siebten Tag des Monats Bysios, dem Geburtstag Apollons. Später gab es jeden Monat einen Orakeltag, jeweils am siebten, aber nur in neun Monaten: In den drei Wintermonaten galt Apollon als abwesend, und in Delphi herrschte Dionysos. Der Ablauf war genau geregelt.
| Schritt | Was geschah | Hinweis |
| 1. Anreise | Gesandtschaften der Stadtstaaten und private Ratsuchende kamen über den Golf von Korinth oder über die Berge. | Städte und Herrscher hatten oft ein Vorrecht, die Promanteia, und kamen zuerst an die Reihe. |
| 2. Reinigung | Die Ratsuchenden wuschen sich an der Kastalischen Quelle. | Auch die Pythia reinigte sich dort. |
| 3. Gebühr | Man zahlte den Pelanos, ursprünglich einen Opferkuchen, später eine feste Geldsumme. | Staaten zahlten mehr als Privatleute. |
| 4. Ziegenprobe | Ein Priester besprengte eine Ziege mit kaltem Wasser. Zitterte sie, war der Tag günstig und die Ziege wurde geopfert. | Blieb sie ruhig, gab es an diesem Tag kein Orakel. |
| 5. Frage | Die Frage wurde vorgetragen, meist als Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Ist es besser, dies zu tun oder jenes? | Viele Fragen betrafen Kult, Opfer, Koloniegründungen und Kriege. |
| 6. Antwort | Die Pythia sprach im Adyton; die Priester überbrachten den Orakelspruch, oft in Versen. | Für einfache Fragen gab es vermutlich auch ein Losorakel mit weißen und schwarzen Bohnen. |
Der letzte Punkt verdient einen zweiten Blick. Neben dem großen Orakel mit der Pythia gab es in Delphi wohl auch ein einfaches Losorakel, bei dem weiße und schwarze Bohnen über Ja und Nein entschieden. Das Prinzip ist bis heute dasselbe geblieben: Wer eine schnelle Antwort auf eine Entscheidungsfrage sucht, zieht Lose, würfelt oder legt Karten, wie beim Ja-Nein-Orakel mit drei Lenormandkarten oder beim Ja-Nein-Würfelorakel.
Die berühmtesten Orakelsprüche von Delphi
Hunderte Orakelsprüche aus Delphi sind überliefert, meist bei Geschichtsschreibern und Dichtern. Die folgenden gehören zu den bekanntesten. Nicht alle sind so gefallen, wie sie erzählt werden; die Spalte „Quelle“ zeigt, woher wir sie kennen.
| Wer fragte | Der Orakelspruch | Was geschah | Quelle |
| Krösus, König von Lydien | Wenn er gegen die Perser ziehe, werde er ein großes Reich zerstören. | Er griff an und verlor sein eigenes Reich, traditionell um 547 v. Chr. | Herodot |
| Die Athener, 480 v. Chr. | Nur eine hölzerne Mauer werde unbezwungen bleiben; das göttliche Salamis werde Söhne von Frauen vernichten. | Themistokles deutete die Mauer als Flotte; die Griechen besiegten die Perser in der Seeschlacht von Salamis. | Herodot |
| Chairephon, Freund des Sokrates | Niemand sei weiser als Sokrates. | Sokrates schloss daraus, er wisse wenigstens, dass er nichts wisse. | Platon, Apologie |
| Laios, König von Theben | Sein Sohn werde ihn töten. | Ödipus erschlug unwissentlich seinen Vater und heiratete seine Mutter. | Sophokles (Mythos) |
| Battos von Thera | Er solle eine Stadt in Libyen gründen. | Er gründete Kyrene im heutigen Libyen, eine der großen griechischen Kolonien. | Herodot |
| Alexander der Große | „Du bist unbesiegbar, mein Sohn.“ | Er soll die Pythia an einem verbotenen Tag in den Tempel gezerrt haben, worauf sie dies ausrief. | Plutarch (Legende) |
| Pyrrhus von Epirus | „Aio te, Aeacida, Romanos vincere posse“ – ich sage, dass du die Römer besiegen kannst oder dass die Römer dich besiegen können. | Pyrrhus gewann Schlachten unter hohen Verlusten und verlor den Krieg. | Ennius bei Cicero (von Cicero als erfunden verspottet) |
| Oreibasios für Kaiser Julian, 362 n. Chr. | Die kunstvolle Halle sei gefallen, Apollon habe kein Haus, keinen Lorbeer und keine sprechende Quelle mehr. | Gilt als letzter Orakelspruch von Delphi; die Echtheit ist umstritten. | Byzantinische Überlieferung |
Krösus und das große Reich
Die Geschichte von Krösus ist der berühmteste Orakelspruch überhaupt. Der reiche König von Lydien wollte, so erzählt Herodot, zuerst wissen, welchem Orakel er trauen konnte. Er schickte Boten zu mehreren Orakeln, die am hundertsten Tag nach ihrer Abreise fragen sollten, was der König gerade tue. Krösus hatte etwas gewählt, das niemand erraten konnte: Er kochte eine Schildkröte und ein Lamm zusammen in einem Kessel aus Bronze mit einem Bronzedeckel. Die Pythia antwortete in Versen, sie kenne die Zahl der Sandkörner und rieche eine gepanzerte Schildkröte, die mit Lammfleisch in Bronze gekocht werde.
Überzeugt schickte Krösus reiche Geschenke nach Delphi und stellte seine eigentliche Frage nach der Zukunft: Solle er gegen die Perser ziehen? Die Antwort lautete, er werde dann ein großes Reich zerstören. Krösus zog in den Krieg, und das große Reich, das unterging, war sein eigenes. Die Prophezeiung hatte sich erfüllt, nur anders, als er es erwartet hatte. Als er sich später beschwerte, ließ ihm die Pythia ausrichten, er hätte fragen sollen, welches Reich gemeint sei. In einer späteren Fassung bei Aristoteles lautet der Spruch: Wenn Krösus den Fluss Halys überschreite, werde er ein großes Reich zerstören.
Die hölzerne Mauer von Salamis
Im Jahr 480 v. Chr. rückte das Heer des Perserkönigs Xerxes auf Athen vor. Die Athener fragten in Delphi um Rat und erhielten zuerst eine düstere Antwort, sie sollten bis an die Enden der Erde fliehen. Sie baten um einen besseren Spruch und hörten: Zeus gewähre Athene eine hölzerne Mauer, die allein unbezwungen bleibe, und das göttliche Salamis werde die Söhne von Frauen vernichten. In Athen stritt man über die Bedeutung. Der Feldherr Themistokles setzte sich durch: Die hölzerne Mauer seien die Schiffe, und „göttlich“ heiße Salamis, weil der Sieg dort den Griechen gehören werde. Die Seeschlacht von Salamis gab ihm recht.
Sokrates: Niemand ist weiser
Der Spruch über Sokrates ist der philosophisch folgenreichste. Nach Platons „Apologie“ fragte Chairephon in Delphi, ob jemand weiser sei als Sokrates, und die Pythia verneinte. Sokrates hielt das für ein Rätsel, denn er glaubte nicht, weise zu sein. Er prüfte Politiker, Dichter und Handwerker und stellte fest, dass sie zu wissen glaubten, was sie nicht wussten. Seine Weisheit bestehe darin, so seine Deutung, dass er um sein Nichtwissen wisse. Aus einem Orakelspruch wurde so eine Haltung, die die abendländische Philosophie prägte.
Waren die Orakelsprüche wirklich so mehrdeutig?
Das Orakel von Delphi gilt als Inbegriff des Rätselhaften. Schon der Philosoph Heraklit schrieb um 500 v. Chr., der Herr, dem das Orakel in Delphi gehöre, sage nichts und verberge nichts, sondern gebe ein Zeichen. Das deutsche Wort „orakelhaft“ trägt diese Bedeutung bis heute. Doch ein genauer Blick auf die Überlieferung zeigt ein anderes Bild.
Der amerikanische Religionswissenschaftler Joseph Fontenrose sammelte 1978 alle bekannten Antworten des Orakels, insgesamt 535, und ordnete sie nach ihrer Glaubwürdigkeit: 75 hielt er für historisch belegt, 268 für quasi-historisch, 176 für legendär und 16 für erfunden (Fontenrose: The Delphic Oracle). Sein Ergebnis ist verblüffend. Unter den historisch belegten Antworten ist keine einzige einfache Anweisung mehrdeutig, und es finden sich nur zwei klare Vorhersagen. Die meisten echten Antworten waren schlichte Anweisungen zu Kult und Opfern: Welchem Gott soll man opfern, soll man eine Kolonie gründen, darf man ein Gesetz ändern?
Die berühmten Rätselsprüche wie der an Krösus stammen dagegen fast alle aus Erzählungen, die nach den Ereignissen aufgeschrieben wurden. Ein Spruch, der sich im Nachhinein als doppelsinnig erweist, macht eine gute Geschichte, und eine gute Geschichte wird weitererzählt. Dazu kam ein Vorteil, den Delphi tatsächlich hatte: Gesandte aus der ganzen griechischen Welt brachten Nachrichten mit, und die Priester waren über Politik, Handel und Kolonien bestens informiert. Warum mehrdeutige Aussagen so überzeugend wirken, erklärt die Psychologie des Barnum-Effekts, die im Beitrag Warum Kartenlegen wirkt beschrieben ist.
Erkenne dich selbst: Die griechischen Inschriften am Apollontempel
Am Eingang des Apollontempels standen Sprüche, die jeder Ratsuchende las, bevor er seine Frage stellte. Der berühmteste ist „Erkenne dich selbst“. Die Griechen schrieben die Sprüche den Sieben Weisen zu; „Erkenne dich selbst“ galt meist als Wort des Spartaners Chilon. Wahrscheinlich waren es ältere Volksweisheiten. Wo genau sie standen, ob an einer Wand der Vorhalle, an einer Säule oder am Türpfosten, ist nicht sicher überliefert.
| Altgriechisch | Umschrift | Deutsch | Latein und Bedeutung |
| γνῶθι σεαυτόν | gnōthi seautón | Erkenne dich selbst | nosce te ipsum; kenne Deine Grenzen als Mensch gegenüber den Göttern, später: erforsche Deine Seele |
| μηδὲν ἄγαν | mēdén ágan | Nichts im Übermaß | ne quid nimis; halte Maß in allem |
| ἐγγύα, πάρα δ᾽ ἄτη | engýa, pára d’ átē | Bürgschaft bringt Unheil | wer sich verbürgt, zieht das Unglück an |
| Ε | E oder ei | das rätselhafte E | Plutarch schrieb eine ganze Abhandlung darüber; eine Deutung ist „Du bist“ als Anrede an den Gott |
Ursprünglich meinte „Erkenne dich selbst“ wohl: Erkenne, dass Du ein Mensch bist und kein Gott. Erst Sokrates und Platon machten daraus die Aufforderung, die eigene Seele zu erforschen; in Platons Dialog „Phaidros“ sagt Sokrates, er sei noch nicht so weit, sich nach dem delphischen Spruch selbst zu erkennen. Neben den drei berühmten Sprüchen überlieferte der Gelehrte Johannes Stobaios eine Sammlung von 147 delphischen Maximen. Wie weit sie reisten, zeigt ein Fund aus Ai Khanoum im heutigen Afghanistan: Dort ließ ein Grieche namens Klearchos im 3. Jahrhundert v. Chr. die letzten fünf Sprüche der Sammlung in Stein meißeln und vermerkte, sie stammten aus dem heiligen Pytho. Wer den Gedanken der Selbsterkenntnis in den Alltag holen möchte, kann jeden Morgen mit einer Frage an sich selbst beginnen, etwa mit der Tageskarte.
Dämpfe, Gase, Trance: Was hinter den Visionen der Pythia steckte
Antike Autoren berichten, im Tempel steige ein Hauch aus der Erde auf, der die Pythia in Ekstase versetze. Der Geograph Strabon beschreibt eine Höhle mit einer engen Öffnung, aus der ein begeisternder Atem strömte, und Plutarch erwähnt einen süßlichen Duft, der sich manchmal im Tempel ausbreitete. Diese Berichte über Gase und Dämpfe aus einer Erdspalte prägen das Bild vom Orakel bis heute.
Die Archäologie widersprach zunächst. Die französischen Ausgräber fanden unter dem Tempel keine Erdspalte, und der britische Gelehrte Paul Oppé erklärte 1904, eine Spalte oder Gase habe es nie gegeben. Erst ein Jahrhundert später kehrte die These zurück. Der Geologe Jelle Zeilinga de Boer und der Archäologe John Hale wiesen 2001 nach, dass sich unter dem Tempel zwei junge Verwerfungen kreuzen, und vermuteten, dass leichte Kohlenwasserstoffe aus dem darunterliegenden bituminösen Kalkstein aufstiegen (de Boer, Hale und Chanton, Geology 2001). Als mögliche Ursache nannten sie Ethylen, ein süßlich riechendes Gas, das in geringer Dosis eine leichte Trance auslösen kann.
Gelöst ist das Rätsel damit nicht. Eine italienisch-griechische Forschergruppe um Giuseppe Etiope maß 2006 an den Quellen von Delphi zwar Methan, Ethan und Kohlendioxid, hielt aber Ethylen in der nötigen Menge für ausgeschlossen. Wenn die Pythia überhaupt durch Gase beeinflusst wurde, dann eher durch Sauerstoffmangel im geschlossenen Tempelraum. Auch Toxikologen haben die Ethylen-These kritisiert. Sicher ist nur: Delphi liegt in einer tektonisch aktiven Zone, Erdbeben haben den Tempel mehrfach zerstört, und aus dem Boden treten bis heute Gase aus. Ob sie bei den Orakeln eine Rolle spielten, lässt sich nach über 1.600 Jahren nicht mehr klären. Die Frage, ob Menschen durch Trance oder besondere Wahrnehmung Verborgenes sehen können, behandelt der Beitrag über Hellsichtigkeit.
Aufstieg und Ende: Die Geschichte des antiken Heiligtums
Delphi war mehr als ein Orakel. Es war ein Heiligtum, ein Treffpunkt aller Griechen und ein politischer Machtfaktor. Verwaltet wurde es von der Delphischen Amphiktyonie, einem Bund griechischer Stämme. Die Stadtstaaten bauten entlang der Heiligen Straße Schatzhäuser, in denen sie ihre Weihgeschenke ausstellten, und wetteiferten darin um Ansehen. Die Pythischen Spiele mit Musik- und Sportwettkämpfen waren nach den olympischen Spielen die zweitwichtigsten Wettkämpfe der antiken Welt, gefeiert wie die Olympischen Spiele alle vier Jahre; der Sieger erhielt einen Kranz aus Lorbeer.
| Zeit | Ereignis |
| 2. Jahrtausend v. Chr. | Älteste Siedlungsspuren aus mykenischer Zeit |
| 8. Jahrhundert v. Chr. | Das Orakel wird greifbar; Delphi berät bei Koloniegründungen |
| 586/582 v. Chr. | Die Pythischen Spiele werden zum Fest aller Griechen, alle vier Jahre |
| 548/547 v. Chr. | Der Apollontempel brennt ab; die athenische Familie der Alkmeoniden lässt ihn neu errichten |
| um 560–540 v. Chr. | Krösus von Lydien befragt das Orakel und schickt reiche Weihgeschenke |
| nach 490 v. Chr. | Das Schatzhaus der Athener entsteht, der Überlieferung nach aus der Beute von Marathon |
| 480 v. Chr. | Orakel der „hölzernen Mauer“ vor der Seeschlacht von Salamis |
| 4. Jahrhundert v. Chr. | Nach einem Erdbeben entsteht der Tempel, dessen Reste heute stehen; um 380–360 v. Chr. wird die Tholos im Heiligtum der Athena Pronaia gebaut |
| Römische Zeit | Delphi verliert an Bedeutung; nach Pausanias ließ Kaiser Nero 500 Bronzestatuen abtransportieren |
| um 100 n. Chr. | Plutarch ist Priester in Delphi und schreibt über den Niedergang der Orakel |
| 362 n. Chr. | Überlieferter letzter Orakelspruch an Kaiser Julian |
| um 390 n. Chr. | Kaiser Theodosius I. verbietet die heidnischen Kulte; das Orakel verstummt |
| 1892–1903 | „Große Grabung“ der Französischen Schule in Athen; das Dorf Kastri, das auf den Ruinen stand, wird umgesiedelt |
| 1987 | Delphi wird UNESCO-Welterbe |
Das Ende kam nicht mit einem Schlag. Schon Plutarch klagte, dass die Orakel verstummten, und mit dem Aufstieg des Christentums verlor Delphi seine Funktion. Nach dem Verbot der alten Kulte unter Theodosius I. verfiel das Heiligtum, und über den Ruinen entstand das Dorf Kastri. Erst die „Große Grabung“ der Französischen Schule in Athen von 1892 bis 1903 legte die antike Stätte wieder frei; die französische Regierung finanzierte dafür eigens die Umsiedlung des Dorfes (École française d’Athènes). Die Funde, darunter Tausende Inschriften, veränderten das Wissen über die griechische Kunst grundlegend.
Delphi heute besichtigen: Was Du vor Ort siehst
Heute in Delphi erwartet Dich eine der meistbesuchten antiken Stätten Griechenlands. Wer von Athen kommt, fährt etwa zweieinhalb Stunden mit dem Auto; viele Reisebüros bieten Tagesausflüge an. Im Sommer ist es voll und heiß, Frühjahr und Herbst sind die angenehmeren Reisezeiten. Für Heiligtum, Museum und das Heiligtum der Athena Pronaia sollte man mindestens einen halben Tag einplanen.
| Ort | Was es ist | Worauf Du achten kannst |
| Heilige Straße | Der gewundene Weg durch das Apollon-Heiligtum hinauf zum Tempel | Entlang des Weges standen die Schatzhäuser der Stadtstaaten |
| Schatzhaus der Athener | Kleiner dorischer Bau für Weihgeschenke, wieder aufgebaut | An den Wänden sind Inschriften erhalten, darunter Hymnen mit Notenzeichen |
| Apollontempel | Das Zentrum des Heiligtums mit dem Adyton, in dem die Pythia sprach | Sechs der ursprünglich 38 Säulen sind wieder aufgerichtet |
| Theater und Stadion | Theater oberhalb des Tempels, darüber das Stadion der Pythischen Spiele | Das Stadion bot rund 6.500 Zuschauern Platz |
| Kastalische Quelle | Die heilige Quelle, an der sich Pythia und Pilger reinigten | Sie liegt in einer Schlucht zwischen den beiden Heiligtümern |
| Athena Pronaia | Heiligtum unterhalb der Straße mit der runden Tholos | Drei Säulen der Tholos stehen wieder; sie ist das bekannteste Fotomotiv von Delphi |
| Museum von Delphi | Die Funde aus dem Heiligtum | Der bronzene Wagenlenker, die Sphinx der Naxier, der Omphalos und die Statuen von Kleobis und Biton |
Kann man das Orakel von Delphi heute noch befragen?
Nein. Das Orakel ist seit über 1.600 Jahren verstummt, und niemand spricht heute im Namen Apollons. Was bleibt, ist die Idee dahinter: eine Frage klar zu formulieren, eine Antwort zu bekommen und sie selbst zu deuten. Genau das tun moderne Orakel, von Karten über Runen bis zum Pendel. Eine Übersicht über alle kostenlosen Werkzeuge findest Du im Bereich Orakel und Hellsehen, und wer eine Entscheidung vor sich hat, kann das Ja-Nein-Orakel befragen.
Eines sollte man dabei von Delphi lernen. Die Pythia gab keine Garantien, und die klügsten Ratsuchenden, wie Themistokles, dachten selbst über die Antwort nach, statt sie wörtlich zu nehmen. Ein Orakel ist dann am wertvollsten, wenn es zum Nachdenken anregt, und das gilt für den Runen-Orakel-Beutel genauso wie für die Lenormandkarten. Was ein Orakel kann und was nicht, beschreibt der Beitrag Was ist ein Orakel? ausführlich.
Fazit: Was vom Orakel von Delphi bleibt
Über tausend Jahre lang, fast durch die ganze Zeit der Antike, kamen Könige, Städte und einfache Menschen nach Delphi, um den Gott Apollon um Rat zu fragen. Die Pythia auf ihrem Dreifuß, die Orakelsprüche an Krösus und Themistokles und die Inschrift „Erkenne dich selbst“ gehören bis heute zum Grundwissen über das antike Griechenland. Die Forschung zeigt, dass die echten Antworten meist nüchterner waren als die berühmten Geschichten, und ob Gase die Pythia beeinflussten, ist offen. Geblieben ist ein Gedanke, der älter ist als jede Weissagung: Wer eine Antwort sucht, sollte zuerst sich selbst kennen.
Häufig gestellte Fragen zum Orakel von Delphi
Wo liegt das Orakel von Delphi?
Das Orakel von Delphi lag in Mittelgriechenland am Südwesthang des Parnass, oberhalb des Tals des Pleistos und mit Blick zum Golf von Korinth. Die Stätte liegt neben der heutigen Stadt Delphi, rund 200 Straßenkilometer oder zweieinhalb Autostunden von Athen entfernt.
Welchem Gott war das Orakel von Delphi geweiht?
Das Orakel war dem Gott Apollon geweiht, dem Gott des Lichts, der Musik und der Weissagung. Nach dem Mythos gehörte der Ort vorher der Erdgöttin Gaia, bis Apollon den Drachen Python tötete, der die Stätte bewachte.
Wer war die Pythia?
Die Pythia war die Priesterin des Apollon in Delphi, die auf einem Dreifuß im Tempel die Antworten des Gottes sprach. Sie stammte aus Delphi; in späterer Zeit wählte man Frauen über fünfzig, die dennoch wie junge Mädchen gekleidet waren. In der Blütezeit gab es bis zu drei Pythien gleichzeitig.
Was war der Spruch über dem Orakel von Delphi?
Am Apollontempel standen die Sprüche „Erkenne dich selbst“ (gnōthi seautón), „Nichts im Übermaß“ (mēdén ágan) und „Bürgschaft bringt Unheil“, dazu ein rätselhaftes E. Die Griechen schrieben sie den Sieben Weisen zu.
Was heißt „Erkenne dich selbst“ auf Altgriechisch und Latein?
Auf Altgriechisch heißt es γνῶθι σεαυτόν, gesprochen gnōthi seautón. Die lateinische Übersetzung lautet nosce te ipsum. Ursprünglich meinte der Spruch wohl, dass der Mensch seine Grenzen gegenüber den Göttern erkennen soll; Sokrates machte daraus die Aufforderung zur Selbsterforschung.
Was ist der letzte Orakelspruch von Delphi?
Als letzter Orakelspruch gilt die Antwort an den Arzt Oreibasios, der 362 n. Chr. im Auftrag von Kaiser Julian nach Delphi kam: Die kunstvolle Halle sei zu Boden gefallen, Apollon habe kein Haus, keinen weissagenden Lorbeer und keine sprechende Quelle mehr. Der Spruch ist erst in byzantinischen Quellen überliefert, seine Echtheit ist umstritten.
Wann endete das Orakel von Delphi?
Das Orakel endete um 390 n. Chr., als der christliche Kaiser Theodosius I. die heidnischen Kulte verbot. Es wurde nicht auf einen Schlag zerstört, sondern verlor schon in römischer Zeit an Bedeutung; nach dem Verbot verfiel das Heiligtum, und über den Ruinen entstand ein Dorf.
Wie alt ist das Orakel von Delphi?
Als Orakel ist Delphi ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. greifbar, die ältesten Siedlungsspuren reichen bis in die mykenische Zeit zurück. Das Orakel bestand also über tausend Jahre, bis um 390 n. Chr.
Was prophezeite das Orakel von Delphi dem König Krösus?
Krösus fragte, ob er gegen die Perser ziehen solle. Das Orakel antwortete, er werde dann ein großes Reich zerstören. Krösus griff an und verlor sein eigenes Reich. Die spätere Fassung lautet: Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören.
Warum galt Delphi als Nabel der Welt?
Nach dem Mythos ließ Zeus zwei Adler von den beiden Enden der Welt losfliegen, die sich über Delphi trafen. Dort lag also der Mittelpunkt der Erde, markiert durch einen Stein, den Omphalos, was auf Griechisch Nabel heißt.
Stimmt es, dass die Pythia Dämpfe einatmete?
Antike Autoren berichten von einem Hauch aus der Erde. Geologen fanden 2001 unter dem Tempel zwei sich kreuzende Verwerfungen und vermuteten Ethylen als Ursache einer Trance. Spätere Messungen fanden Methan und Kohlendioxid, aber kaum Ethylen. Ob Gase die Pythia beeinflussten, ist bis heute ungeklärt.
Kann man das Orakel von Delphi besichtigen?
Ja. Die Ausgrabungsstätte mit dem Apollontempel, dem Theater, dem Stadion und dem Heiligtum der Athena Pronaia sowie das Archäologische Museum mit dem Wagenlenker und dem Omphalos sind für Besucher geöffnet. Delphi ist seit 1987 UNESCO-Welterbe.
Was sagte das Orakel von Delphi zu Ödipus?
Nach dem Mythos warnte das Orakel König Laios von Theben, sein Sohn werde ihn töten. Ödipus selbst erfuhr in Delphi, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Auf der Flucht vor dieser Weissagung erfüllte er sie, nachdem er Theben von der Sphinx befreit hatte.

Damian Garrett
Legt seit 2005 die Lenormandkarten. Autor des Lenormand-Praxisbuchs und Entwickler eines eigenen Systems zur Deutung der Kartenkombinationen. Hauptberuflich in der psychologischen Lehre und Forschung. → Mehr über den Autor















