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Marie Anne Lenormand: wer Madame Lenormand wirklich war – und woher ihre Karten stammen

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Marie Anne Lenormand (1772–1843) war die berühmteste Kartenlegerin ihrer Zeit – aber sie hat die Lenormandkarten nie in der Hand gehalten. Die Pariser Wahrsagerin, im deutschsprachigen Raum meist Madame Lenormand genannt, arbeitete mit gewöhnlichen Spielkarten und dem Tarot des Jean-François Alliette („Etteilla“). Das erste Deck, das ihren Namen trug, erschien 1845 – zwei Jahre nach ihrem Tod. Alles, was heute unter Lenormandkarten verkauft wird, ist eine posthume Namensleihe.

Diese Seite trennt konsequent das Belegte vom Erzählten: Was in Registern, Prozessakten und Verlagsdaten steht – und was aus ihren eigenen Memoiren stammt, mit denen sie ihren Ruf selbst geschrieben hat. Denn Marie Anne Lenormand war nicht nur Seherin, sondern auch eine der ersten großen Selbstvermarkterinnen Europas.

Inhaltsverzeichnis

Marie Anne Lenormand im Kurzprofil

AngabeFakt
Vollständiger NameMarie-Anne Adélaïde Lenormand
Bekannt alsMademoiselle Lenormand (korrekte Anrede, sie war unverheiratet), Madame Lenormand, Madam Lenormand, „la sibylle du faubourg Saint-Germain“
Geboren27. Mai 1772 in Alençon, Normandie
ElternJean-Louis-Antoine Lenormand, Tuchhändler, und Marie-Anne, geborene Gilbert
AusbildungKlosterschule der Benediktinerinnen in Alençon: Sprachen, Literatur, Malerei, Musik
BerufKartenlegerin, Wahrsagerin, Schriftstellerin
WirkungsortParis, ab 1797 Rue de Tournon
Prominente KlientelKaiserin Joséphine (geborene Marie-Rose Tascher de la Pagerie), Zar Alexander I.
Benutzte Kartengewöhnliche Spielkarten mit eigenen Anmerkungen, dazu das Etteilla-Tarot
Erstes Buch„Les Souvenirs prophétiques d’une sibylle“, Paris 1814
Gestorben25. Juni 1843 in Paris
GrabPère Lachaise, Division 3
Nachlassrund 500.000 Francs, Erbe war ein Neffe
Verbindung zu den Lenormandkartenkeine – alle Decks dieses Namens erschienen nach ihrem Tod

Zeitleiste: das Leben der Marie Anne Lenormand

Die folgende Übersicht enthält nur Daten, die sich aus Registern, Verlagsangaben oder Prozessunterlagen ableiten lassen. Wo die Quellen auseinandergehen, steht es ausdrücklich dabei.

JahrEreignis
1768Im Geburtsregister von Alençon wird eine Marie-Anne Lenormand eingetragen: ihre Schwester, die wenige Stunden nach der Geburt stirbt. Alter Tradition folgend erhält das nächste Kind denselben Namen – die Wurzel aller späteren Verwechslungen.
27. Mai 1772Geburt in Alençon.
um 1777Früher Tod der Eltern. Englischsprachige Quellen nennen sie mit fünf Jahren Waise.
bis 1781Klosterschule der Benediktinerinnen. Nach einer Prophezeiung über die Absetzung der Äbtissin wird sie der Schule verwiesen.
1786 oder 1790Übersiedlung nach Paris. Die deutsche Wikipedia nennt 1790, die englische 1786.
14. Juli 1789Sie erlebt nach eigener Darstellung den Sturm auf die Bastille.
1793Gründung einer Wahrsage-Praxis mit Madame Gilbert, die sie zuvor in das Etteilla-Tarot eingeführt hatte.
1793/94Verhaftung durch den Wohlfahrtsausschuss während der Terrorherrschaft.
ab 1797Eigene Praxis in der Rue de Tournon – die Adresse, die sie berühmt macht.
1803 und 1809Kurze Haftstrafen, unter anderem unter dem Vorwurf des Hochverrats.
1814Erstes Buch: „Les Souvenirs prophétiques d’une sibylle“.
1818Der Aachener Kongress. Ihre Schrift „La sibylle au congrès d’Aix-la-Chapelle“ von 1819 belegt ihre Nähe zum europäischen Hochadel; Zar Alexander I. gilt als ihr Klient.
1820„Mémoires historiques et secrets de l’impératrice Joséphine“ erscheint – sechs Jahre nach Joséphines Tod. Im selben Jahr geht sie nach Brüssel.
1821/22Prozess und Haft in Brüssel. Sie verarbeitet beides in „Mémoire justificatif“ und „Souvenirs de la Belgique – Cent jours d’infortunes“.
1830Nach der Julirevolution zieht sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück.
25. Juni 1843Tod in Paris. Beisetzung auf dem Père Lachaise, Division 3.
1845„Grand Jeu de Mlle Lenormand“ mit 54 Karten erscheint in Paris – das erste Deck mit ihrem Namen.
um 1850Das 36-Karten-Deck, das heutige Petit Lenormand, setzt sich im deutschsprachigen Raum durch.

Kindheit in Alençon und der Verweis von der Klosterschule

Marie-Anne Adélaïde Lenormand wuchs in Alençon auf, einer Stadt in der Normandie, die für ihre Spitzenklöppelei bekannt war. Der Vater war Tuchhändler; die Familie gehörte zum gehobenen Bürgertum, was ihr den Zugang zu einer königlichen Klosterschule der Benediktinerinnen eröffnete. Dort galt ihr Interesse den Sprachen, der Literatur, der Malerei und der Musik – eine Ausbildung, die später ihre Bücher erklärt.

Aus kirchlicher Sicht war das Wahrsagen Teufelswerk. Ihre Neigung dazu brachte sie zunehmend in Konflikt mit den Klosterschwestern. Der Überlieferung nach prophezeite sie 1781 die Absetzung der Äbtissin – und als die Prophezeiung eintrat, wurde sie der Schule verwiesen. Diese Anekdote steht so in den Quellen, ist aber wie viele Episoden ihrer Jugend nicht unabhängig belegt.

Klosterschule in Alençon, in der Marie Anne Lenormand ausgebildet wurde
Die Klosterschule in Alençon: Hier wurde Marie Anne Lenormand in Sprachen, Literatur, Malerei und Musik ausgebildet – und hier flog sie wegen ihrer Prophezeiungen hinaus. (Bildnachweis: Wikimedia Commons)

Die beiden Marie-Anne Lenormands: warum zwei Geburtsjahre kursieren

Wer im Netz recherchiert, findet zwei Geburtsjahre: 1768 und 1772. Beide sind korrekt – sie gehören zu zwei verschiedenen Personen. Die 1768 eingetragene Marie-Anne Lenormand war eine Schwester, die wenige Stunden nach der Geburt starb. Die Eltern gaben dem nächsten lebenden Kind denselben Namen, damit die Seele des verstorbenen Kindes unter ihrem Namen weiterleben konnte – eine im 18. Jahrhundert verbreitete Praxis.

Für die Deutung ihrer Biografie ist das mehr als eine Fußnote: Wer das Geburtsjahr 1768 zugrunde legt, macht sie bei ihrer Ankunft in Paris vier Jahre älter und verschiebt damit alle Altersangaben – ein Grund, warum in der Sekundärliteratur so viele Zahlen nicht zueinander passen.

Madame oder Mademoiselle Lenormand? Woher der falsche Titel kommt

Historisch korrekt ist „Mademoiselle Lenormand“. Sie hat nie geheiratet und hatte keine Kinder – zeitgenössische Berichte, Porträts und ihre eigenen Buchtitel führen sie durchgängig als „Mlle Le Normand“. Auch die Fondation Napoléon und die Sammlungskataloge verwenden diese Form.

Durchgesetzt hat sich im deutschsprachigen Raum trotzdem „Madame Lenormand“ – und zwar über die Kartendecks und Ratgeberbücher, die ihren Namen ab 1845 als Marke nutzten. Wer heute „Madame Lenormand“, „Madam Lenormand“ oder „Marie Anne Lenormand“ sucht, meint dieselbe Person: die Pariser Kartenlegerin von 1772 bis 1843. Der Titel „Madame“ ist also kein historischer Befund, sondern ein Nebenprodukt der Vermarktung – genau wie das Kartendeck selbst.

Paris, Rue de Tournon und die Praxis mit Madame Gilbert

1793, mitten in der Französischen Revolution, gründete Lenormand gemeinsam mit der Wahrsagerin Madame Gilbert eine Praxis für Kartenlegen in Paris. Gilbert hatte sie einige Jahre zuvor in das Tarot des Jean-François Alliette eingeführt, der unter dem Pseudonym Etteilla das erste ausdrücklich zum Wahrsagen gestaltete Tarotdeck herausgab – nachzulesen auf unserer Seite zum Etteilla-Tarot.

Ab 1797 arbeitete sie in der Rue de Tournon im 6. Arrondissement, wenige Schritte vom Palais du Luxembourg. Diese Adresse machte sie zur Institution. Zeitgenossen berichten von einem regelrechten Andrang: Magistrate, Militäroffiziere, Adelige und Angehörige der gehobenen Gesellschaft ließen sich bei ihr die Karten legen. Der Spitzname „la sibylle du faubourg Saint-Germain“ – die Sibylle des Faubourg Saint-Germain – bezeichnet genau dieses Milieu.

Napoleon, Joséphine, Zar Alexander: was von der Klientel belegt ist

Die berühmten Namen sind der Kern der Legende – und der am schwächsten belegte Teil ihrer Biografie. Belastbar ist die Verbindung zu Kaiserin Joséphine, deren Memoiren Lenormand 1820 veröffentlichte, und zu Zar Alexander I., dem sie 1818 am Rande des Aachener Kongresses begegnete; ihre Schrift „La sibylle au congrès d’Aix-la-Chapelle“ von 1819 nimmt darauf ausdrücklich Bezug.

Bei Napoleon Bonaparte, Robespierre, Marat und Saint-Just liegt der Fall anders. Diese Namen stammen im Wesentlichen aus ihren eigenen Veröffentlichungen. Lenormand schrieb ihre Prominenz selbst in die Geschichtsbücher – geschickt, wirksam und ohne unabhängige Gegenprüfung. Historiker behandeln die berühmte Prophezeiung von Napoleons Aufstieg und Fall deshalb als Erzählung, nicht als Quelle.

Verhaftet, angeklagt, freigelassen: Lenormand und die Obrigkeit

Wer die Mächtigen berät, wird selbst zum Sicherheitsrisiko. Lenormand geriet mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt – unter der Terrorherrschaft durch den Wohlfahrtsausschuss, im Kaiserreich unter dem Vorwurf des Hochverrats mit belegten kurzen Haftzeiten 1803 und 1809 und schließlich in Brüssel, wohin sie 1820 nach der Rückkehr der Bourbonen mit vielen politischen Gegnern des neuen Königshauses ausgewichen war. Dort lautete der Vorwurf Spionage, im Verfahren fiel auch das Wort Hexerei. Keine der Anklagen hielt: Sie kam jedes Mal frei – und machte aus jedem Verfahren ein Buch.

Marie Anne Lenormand als Schriftstellerin

Zwischen 1814 und 1833 veröffentlichte sie rund 15 Titel: Memoiren, politische Kommentare, Rechtfertigungsschriften. Sie war damit nicht nur Kartenlegerin, sondern eine öffentliche Stimme im Frankreich der Restauration. Die wichtigsten Werke:

JahrTitelWorum es geht
1814Les Souvenirs prophétiques d’une sibylle sur les causes secrètes de son arrestationIhr Debüt: Prophezeiungen und die Umstände ihrer Verhaftung
1815Anniversaire de la mort de l’impératrice JoséphineGedenkschrift zum Tod der Kaiserin
1816La sibylle au tombeau de Louis XVIPolitische Schrift zur Rückkehr der Bourbonen
1817Les oracles sibyllins ou la suite des souvenirs prophétiquesFortsetzung ihrer prophetischen Erinnerungen
1819La sibylle au congrès d’Aix-la-ChapelleIhr Bezug zum Aachener Kongress von 1818
1820Mémoires historiques et secrets de l’impératrice Joséphine, Marie-Rose Tascher-de-la-PagerieIhr bekanntestes Werk: die Memoiren der ersten Frau Napoleons
1821/22Mémoire justificatif · Cri de l’honneur · Souvenirs de la BelgiqueIhre Verteidigung im Brüsseler Verfahren
1831Le petit homme rouge au château des TuileriesPolitische Allegorie nach der Julirevolution
1833Arrêt suprême des dieux de l’OlympeIhr letztes bekanntes Werk

Rückzug nach der Julirevolution und der Tod 1843

Nach der Julirevolution von 1830 zog sich Lenormand aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie starb am 25. Juni 1843 in Paris; überliefert ist, dass ein ärztlicher Kunstfehler den Tod verursachte. Beigesetzt wurde sie auf dem Friedhof Père Lachaise in Division 3.

Sie hinterließ ein Vermögen von rund 500.000 Francs – für eine Frau, die ihr Geld ausschließlich mit Beratung verdient hatte, eine bemerkenswerte Summe. Erbe war ein Neffe beim Militär, der ihre okkulten Unterlagen der Überlieferung nach verbrennen ließ. Damit ging genau das Material verloren, das heute Klarheit über ihre Methode geben könnte: ihre Karten, ihre Notizen, ihre Deutungssysteme.

Welche Karten benutzte Marie Anne Lenormand wirklich?

Sie legte gewöhnliche Spielkarten – und zeitweise das Etteilla-Tarot. Die Quellen sind hier ungewöhnlich einheitlich: Madame Gilbert führte sie in das Tarot des Jean-François Alliette ein, mit dem sie zunächst arbeitete. Wenig später wechselte sie zu normalen französischen Spielkarten, auf denen sie teilweise eigene Anmerkungen anbrachte. Ein Deck mit Reiter, Klee, Schiff, Haus und Baum – den Bildern, die heute jede Lenormand-Kombination ausmachen – existierte zu ihren Lebzeiten nicht.

Ihre Stärke lag nach allem, was überliefert ist, weniger im Deck als in der Kombinationstechnik und im Gespräch: Sie verband Kartenbilder mit Handlesen, Physiognomie, Astrologie und einer präzisen Kenntnis der politischen Lage ihrer Klienten. Genau diese Verbindung aus Symbolik und Situationsanalyse ist es, die im heutigen Kartenlegen mit Lenormandkarten fortlebt.

Ein Detail aus zeitgenössischen Schilderungen, das die Tarot-Historikerin Mary K. Greer zusammengetragen hat, zeigt, wie handwerklich sie arbeitete: Sie hielt mehrere Kartenpäckchen in Schubladen bereit, bei ausführlichen Sitzungen bis zu vierzehn, und ließ ihre Klienten mit der linken Hand abheben. Von einem festen Deck mit fester Bedeutungsliste war sie damit weit entfernt.

Wie das Lenormand-Deck zu ihrem Namen kam

Die Entstehungsgeschichte hat drei Stationen – und Marie Anne Lenormand kommt in keiner davon als Gestalterin vor.

DeckKartenErschienenBezug zu Lenormand
Das Spiel der Hoffnung (Johann Kaspar Hechtel, Nürnberg)36um 1799/1800Ein Würfel-Laufspiel für die gute Stube, nicht zum Wahrsagen gedacht. Seine Bildmotive sind die Vorlage des heutigen Petit Lenormand.
Grand Jeu de Mlle Lenormand541845, Paris (Grimaud)Das erste Deck, das ihren Namen trägt – zwei Jahre nach ihrem Tod, mit mythologischen Szenen und Sternbildern.
Petit Lenormand36um 1850Aus dem Spiel der Hoffnung entwickelt, geprägt von Kartenmachern in Deutschland, Österreich, Belgien und der Schweiz. Heute der Standard im deutschsprachigen Raum.
Heutige Ausgaben (z. B. Blaue Eule von ASS Altenburger, Mystisches Lenormand von Regula Elizabeth Fiechter und Urban Trösch)36 plus Zusatzkarten20. und 21. JahrhundertNeuzeichnungen des Petit Lenormand, teils mit Zusatzkarten über die 36 Blätter hinaus.

Warum der Name? Weil er verkaufte. Lenormand war 1845 die bekannteste Wahrsagerin Europas, ihr Name stand für Treffsicherheit und Zugang zur Macht. Verlage nutzten ihn als Gütesiegel – ein früher Fall von Markenlizenzierung ohne Lizenzgeber. Wie viele Blätter ein Deck heute hat und warum die Zahl 36 so stabil geblieben ist, klärt unsere Seite Wie viele Karten hat das Lenormand?

Lenormand oder Tarot: der Unterschied in fünf Punkten

Weil Lenormand ihre Karriere mit dem Etteilla-Tarot begann, werden beide Systeme oft verwechselt. Sie arbeiten aber grundlegend anders:

MerkmalLenormandTarot
Kartenzahl36 Blätter78 Blätter (22 große, 56 kleine Arkana)
Bildsprachealltagsnahe Symbole: Haus, Brief, Schiff, Ringarchetypische Szenen: Der Narr, Die Hohepriesterin, Der Turm
Deutungfast immer in Kombination – zwei Karten ergeben erst die Aussagedie Einzelkarte trägt bereits eine vollständige Botschaft
Fragestellungkonkret, situationsbezogen, zeitlich näherpsychologisch, prozess- und entwicklungsorientiert
Spielkarten-Bezugjede Karte trägt eine eingesetzte Skatkarteeigenes, vom Skatblatt unabhängiges System

Praktisch heißt das: Im Lenormand entsteht die Aussage aus der Nachbarschaft der Blätter. Deshalb beginnt jedes Lernen mit den Personenkarten als Bezugspunkt und mit den Regeln zur zeitlichen Einordnung.

Mythen-Check: was über Marie Anne Lenormand stimmt – und was nicht

BehauptungWas die Quellen sagen
„Marie Anne Lenormand legte die Lenormandkarten.“Falsch. Kein Deck dieses Namens existierte zu ihren Lebzeiten. Sie arbeitete mit gewöhnlichen Spielkarten und dem Etteilla-Tarot.
„Sie hat Napoleon seinen Aufstieg und Fall vorhergesagt.“Unbelegt. Die Anekdote stammt im Kern aus ihren eigenen Schriften. Eine unabhängige zeitgenössische Bestätigung fehlt.
„Robespierre, Marat und Saint-Just waren ihre Kunden.“Nicht belegt. Auch diese Namen tauchen erst in ihren Memoiren auf – ein Verkaufsargument, keine Quelle.
„Sie starb arm und vergessen.“Falsch. Sie hinterließ rund 500.000 Francs und war bis in die 1830er-Jahre eine öffentliche Figur.
„Napoleon ließ sie verhaften, weil sie zu viel wusste.“Verkürzt. Verhaftungen sind belegt, unter anderem 1803 und 1809 wegen des Vorwurfs des Hochverrats. Die Gründe waren politisch, nicht übersinnlich.
„Das Lenormand ist ein altes Volksorakel.“Teilweise. Die Bildvorlage ist ein Nürnberger Gesellschaftsspiel von rund 1799 – also jünger als das Tarot und ursprünglich ohne jede Wahrsagefunktion.
„Die Karten heißen nach ihr, weil sie sie entworfen hat.“Falsch. Verlage nutzten ihren Namen ab 1845 als Marke, weil er sich verkaufte.

Quellenlage: wo sich die Angaben widersprechen

Wer über Marie Anne Lenormand schreibt, arbeitet mit einer schwierigen Quellenlage. Drei Punkte sollte man kennen:

  • Sie ist ihre eigene Hauptquelle. Die spektakulären Episoden ihres Lebens stehen in Büchern, die sie selbst geschrieben und verkauft hat. Das macht sie nicht automatisch falsch, aber ungeprüft.
  • Das Ankunftsjahr in Paris schwankt. Die deutsche Wikipedia nennt 1790, die englische 1786. Beide Angaben sind in der Sekundärliteratur verbreitet.
  • Der Nachlass ist vernichtet. Da die okkulten Unterlagen nach ihrem Tod verbrannt wurden, gibt es keine Primärquelle zu ihrer Legetechnik – jede Aussage darüber ist Rekonstruktion.

Für die eigene Praxis ist das übrigens keine schlechte Nachricht: Es bedeutet, dass es kein historisch autorisiertes „echtes“ Lenormand-System gibt, dem man folgen müsste. Die Deutungstraditionen sind im 19. und 20. Jahrhundert gewachsen – und sie funktionieren, weil sie in der Praxis erprobt wurden.

Was von Marie Anne Lenormand geblieben ist

Geblieben ist ein Name, ein Berufsbild und eine Haltung. Der Name steht heute auf Millionen von Kartendecks. Das Berufsbild – Beratung auf Augenhöhe mit den Entscheidern ihrer Zeit – hat sie geprägt. Und die Haltung, mit der sie arbeitete, ist erstaunlich modern: Sie las nicht nur Karten, sondern Situationen, Menschen und Machtverhältnisse.

Wer damit selbst anfangen will, braucht kein historisches Wissen, sondern ein System. Der Einstieg führt über die Bedeutung der 36 Karten, die Kombinationen und einen ruhigen Ablauf beim Mischen und Ziehen. Wer lieber sofort eine Antwort möchte, kann direkt eine Karte ziehen.

Hinweis: Kartenlegen ist ein Werkzeug zur Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychologische, juristische oder finanzielle Beratung. Die Angaben auf dieser Seite folgen dem aktuellen Stand der historischen Forschung; wo Quellen sich widersprechen, ist das ausdrücklich vermerkt.

Weiterführend: Marie Anne Lenormand bei Wikipedia, Lenormandkarten: Entstehungsgeschichte und die Biografie der Fondation Napoléon.

Häufige Fragen zu Marie Anne Lenormand

Wer war Marie Anne Lenormand?

Marie-Anne Adélaïde Lenormand (27. Mai 1772 in Alençon bis 25. Juni 1843 in Paris) war die bekannteste Wahrsagerin und Kartenlegerin Frankreichs. Sie beriet in ihrer Praxis in der Rue de Tournon die Pariser Gesellschaft der Revolutions- und Napoleonzeit, wurde „la sibylle du faubourg Saint-Germain“ genannt und veröffentlichte zwischen 1814 und 1833 rund 15 Bücher.

Ja. Gemeint ist immer die französische Kartenlegerin Marie-Anne Adélaïde Lenormand (1772–1843). „Madame Lenormand“ ist die populäre Form ihres Namens, „Mademoiselle Lenormand“ die historisch korrekte, weil sie nie geheiratet hat. Auch die Schreibweise „Madam Lenormand“ meint dieselbe Person.

Mademoiselle. Zeitgenössische Quellen, Porträts und ihre eigenen Buchtitel führen sie als „Mlle Le Normand“; sie war unverheiratet und hatte keine Kinder. „Madame Lenormand“ setzte sich erst über die Kartendecks und Ratgeberbücher ab 1845 durch – der Titel ist Marketing, nicht Biografie.

Nein. Zu ihren Lebzeiten existierte kein Deck dieses Namens. Das erste Kartenspiel, das ihren Namen trug – das „Grand Jeu de Mlle Lenormand“ mit 54 Karten – erschien 1845, zwei Jahre nach ihrem Tod. Verlage nutzten ihren berühmten Namen als Verkaufsargument.

Sie arbeitete mit gewöhnlichen französischen Spielkarten, auf denen sie teilweise eigene Anmerkungen anbrachte. Davor hatte Madame Gilbert sie in das Tarot des Jean-François Alliette, bekannt als Etteilla, eingeführt. Beides hat mit dem heutigen 36-Karten-Deck nichts zu tun.

Geboren wurde sie am 27. Mai 1772 in Alençon in der Normandie, gestorben ist sie am 25. Juni 1843 in Paris. Ihr Grab liegt auf dem Friedhof Père Lachaise in Division 3.

Weil ihr Name 1845 die stärkste Marke im Bereich Wahrsagen war. Er stand für Treffsicherheit und Zugang zu Napoleon, Joséphine und dem europäischen Hochadel. Die Namensgebung ist Marketing – ein früher Fall von Markenlizenzierung ohne Lizenzgeber.

In drei Schritten: Um 1799 entwickelte Johann Kaspar Hechtel in Nürnberg „Das Spiel der Hoffnung“, ein Würfel-Laufspiel mit 36 Bildmotiven. 1845 erschien in Paris das 54-karige „Grand Jeu de Mlle Lenormand“. Um 1850 setzte sich daraus das 36-Karten-Deck durch, das heute Petit Lenormand heißt.

Lenormand hat 36 Karten mit alltagsnahen Symbolen wie Haus, Brief oder Schiff, Tarot hat 78 Karten mit archetypischen Szenen. Im Lenormand entsteht die Aussage fast immer aus der Kombination zweier Karten, im Tarot trägt schon die Einzelkarte eine vollständige Botschaft. Lenormand antwortet konkreter und situationsbezogener, Tarot arbeitet psychologischer.

Die Verbindung gilt als die am besten belegte ihrer prominenten Beziehungen. 1820 veröffentlichte Lenormand die „Mémoires historiques et secrets de l’impératrice Joséphine“ über Marie-Rose Tascher de la Pagerie, die erste Frau Napoleons.

Das ist die bekannteste Geschichte über sie – und die am schwächsten belegte. Sie stammt im Kern aus ihren eigenen Schriften. Unabhängige zeitgenössische Quellen, die eine Prophezeiung an Napoleon Bonaparte bestätigen, gibt es nicht.

Sie wurde mehrfach verhaftet, die Gründe waren aber politisch. Belegt sind eine Festnahme durch den Wohlfahrtsausschuss während der Terrorherrschaft, kurze Haftzeiten 1803 und 1809 unter dem Vorwurf des Hochverrats und ein Verfahren in Brüssel wegen Spionageverdachts. Keine Anklage hielt stand.

Zwischen 1814 und 1833 erschienen rund 15 Titel. Die bekanntesten sind „Les Souvenirs prophétiques d’une sibylle“ (1814), „La sibylle au tombeau de Louis XVI“ (1816), „La sibylle au congrès d’Aix-la-Chapelle“ (1819) und die „Mémoires historiques et secrets de l’impératrice Joséphine“ (1820).

Rund 500.000 Francs. Erbe war ein Neffe beim Militär, der ihre okkulten Unterlagen der Überlieferung nach verbrennen ließ. Deshalb gibt es keine Primärquelle zu ihrer Legetechnik.

Weil es zwei Personen gab. Ihre 1768 geborene Schwester trug denselben Namen und starb wenige Stunden nach der Geburt. Die Eltern gaben dem nächsten Kind denselben Namen – eine im 18. Jahrhundert übliche Praxis.

Ja. Das Petit Lenormand mit 36 Karten ist der Standard im deutschsprachigen Raum, das Grand Jeu mit 54 Karten die historische Pariser Variante. Dazu kommen moderne Ausgaben wie die Blaue Eule von ASS Altenburger oder das Mystische Lenormand sowie Decks mit Zusatzkarten.

Ein modernes 36-Karten-Deck von Regula Elizabeth Fiechter und Urban Trösch mit gemalten, stimmungsvollen Motiven. Es folgt der klassischen Reihenfolge des Petit Lenormand und ist damit mit allen gängigen Deutungs- und Legesystemen kompatibel.

Die Dame ist Karte 29 und zusammen mit dem Herrn (Karte 28) eine der beiden zentralen Personenkarten. Sie steht für die Fragestellerin selbst oder für eine wichtige Frau im Umfeld und dient in den meisten Legesystemen als Signifikator, der die Leserichtung vorgibt.

Weil sie drei Rollen verband, die selten zusammenfallen: Beraterin der Mächtigen, verfolgte Außenseiterin und erfolgreiche Selbstvermarkterin. Ihr Leben ist eine Geschichte über Deutungsmacht – und darüber, wie ein Name zur Marke wird, die ihre Trägerin um fast 200 Jahre überlebt.

Bild von Damian Garrett

Damian Garrett

Legt seit 2005 die Lenormandkarten. Autor des Lenormand-Praxisbuchs und Entwickler eines eigenen Systems zur Deutung der Kartenkombinationen. Hauptberuflich in der psychologischen Lehre und Forschung. → Mehr über den Autor

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