Wahrsagerei ist der Sammelbegriff für alle Praktiken und Methoden, mit denen Menschen zukünftige Ereignisse vorherzusagen oder Verborgenes zu erkennen versuchen: aus Karten, Sternen, Handlinien, Kaffeesatz, dem Flug der Vögel, einer Kristallkugel oder aus innerer Eingebung. Der Fachbegriff dafür lautet Divination oder Mantik. Wahrsagerei gibt es seit mindestens 4.500 Jahren; in Mesopotamien lasen Priester die Zukunft aus der Leber von Opferschafen. Wissenschaftlich ist nicht belegt, dass eine Methode die Zukunft besser voraussehen kann als der Zufall. Die Psychologie erklärt aber gut, warum sich Wahrsagen so oft wahr anfühlt. In Deutschland ist Wahrsagen ein erlaubtes Gewerbe.
Der Blick in die Zukunft fasziniert Menschen seit jeher. Vielleicht fragst Du Dich, was eine Wahrsagerin eigentlich tut, ob an der Sache etwas dran ist oder ob Du einer Wahrsagerin am Telefon trauen kannst. Vielleicht willst Du auch einfach wissen, welche Methoden es gibt und woher sie kommen. In diesem Beitrag erfährst Du, was Wahrsagerei bedeutet und wie man sie noch nennt, welche Methoden es von A bis Z gibt, wie die Geschichte der Wahrsagerei von der Leberschau bis zur Hotline verlief, welche Wahrsager berühmt wurden, was Wahrsagen kostet, was erlaubt ist und was nicht – und woran Du seriöse Wahrsager erkennst.
Ich lege seit 2005 die Lenormandkarten und arbeite hauptberuflich in der psychologischen Lehre und Forschung. Wer Karten legt, wird schnell „Wahrsager“ genannt, und die häufigste Frage, die ich dann höre, lautet: „Glaubst Du selbst daran?“ Die ehrliche Antwort steht weiter unten. Vorweg nur so viel: Ich glaube nicht, dass Karten die Zukunft kennen. Ich halte sie trotzdem für ein wertvolles Werkzeug. Beides passt besser zusammen, als man denkt.
Wahrsagerei auf einen Blick
| Frage | Kurz beantwortet |
| Was ist Wahrsagerei? | Wahrsagerei ist der Versuch, Zukünftiges oder Verborgenes aus Zeichen zu deuten oder durch Eingebung zu erkennen – mit Karten, Sternen, Handlinien, Kaffeesatz, Pendel oder Kristallkugel. |
| Wie nennt man Wahrsagen noch? | Wahrsagen heißt auch Weissagung, Wahrsagung, Zukunftsdeutung, Divination oder Mantik. Verwandt sind Prophezeiung, Hellsehen und Orakel. |
| Welche Methoden gibt es? | Die bekanntesten sind Kartenlegen, Astrologie, Handlesen, Kaffeesatzlesen, Pendeln, Runen, I Ging, Numerologie und die Kristallkugel. Historisch kamen Eingeweideschau und Vogelflug dazu. |
| Woher kommt die Wahrsagerei? | Die ältesten Belege stammen aus Mesopotamien, wo die Leberschau seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. bezeugt ist. Seit der Antike gibt es Wahrsagerei in allen Kulturen. |
| Gibt es Wahrsagerei wirklich? | Es gibt Wahrsagerinnen und Wahrsager, aber keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass sie die Zukunft besser vorhersagen als der Zufall. Treffer lassen sich mit Barnum-Effekt und Cold Reading erklären. |
| Ist Wahrsagerei in Deutschland erlaubt? | Ja. Seit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1965 ist Wahrsagen als Beruf durch die Berufsfreiheit geschützt. Wer mit falschen Versprechen Geld erschleicht, kann sich aber wegen Betrugs strafbar machen. |
| Was kostet Wahrsagen? | Telefonportale verlangen nach Gratisminuten meist ab etwa 1,90 Euro pro Minute. Für 0900-Nummern gilt eine gesetzliche Obergrenze von 3 Euro pro Minute. |
| Woran erkenne ich seriöse Wahrsager? | Seriöse Wahrsager nennen den Preis vorher, machen keine Angst, versprechen nichts und raten Dir nie von Ärzten, Anwälten oder Therapeuten ab. |
Was ist Wahrsagerei? Bedeutung und Herkunft des Wortes
Unter Wahrsagerei versteht man die Kunst, aus bestimmten Zeichen, Gegenständen oder Eingebungen Aussagen über die Zukunft, die Vergangenheit oder verborgene Umstände abzuleiten. Die Wahrsagerin oder der Wahrsager befragt dazu ein Orakel, legt Karten, liest die Linien der Hand oder deutet die Sterne. Gemeinsam ist allen Methoden die Annahme, dass sich das Verborgene in etwas Sichtbarem zeigt – und dass man lernen kann, es zu lesen. Die Deutung ist dabei der eigentliche Kern: Ein Zeichen allein sagt nichts, erst die Wahrsagerin macht daraus eine Vorhersage.
Das Wort setzt sich aus „wahr“ und „sagen“ zusammen: Ein Wahrsager ist wörtlich jemand, der die Wahrheit sagt. Das Verb lässt sich übrigens auf zwei Arten beugen – „sie sagt wahr“ und „sie wahrsagt“ sind beide richtig, ebenso „wahrgesagt“ und „gewahrsagt“. Die Form „Wahrsagerei“ ist dagegen nicht neutral. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache verzeichnet sie als abwertend (DWDS, Eintrag „Wahrsagerei“), ähnlich wie Spielerei oder Träumerei. Wer neutral sprechen will, sagt Wahrsagen, Wahrsagung oder Zukunftsdeutung. Die Mehrzahl lautet die Wahrsagereien.
Wie nennt man Wahrsagen noch? Synonyme von Weissagung bis Hellseherei
| Begriff | Bedeutung | Unterschied zum Wahrsagen |
| Weissagung | Eine Vorhersage, oft feierlich oder religiös gemeint. | Weissagung ist das ältere, gehobene Wort. Im Alltag meint es dasselbe wie Wahrsagung. |
| Wahrsagung | Die einzelne Vorhersage einer Wahrsagerin. | Wahrsagung ist neutral, Wahrsagerei klingt abwertend. |
| Prophezeiung, Prophetie | Eine Vorhersage, die sich auf göttliche Botschaften beruft. | Ein Prophet deutet keine Zeichen. Er spricht im Auftrag einer Gottheit. |
| Divination | Fachwort aus dem Lateinischen: die Erforschung des göttlichen Willens. | Divination ist der wissenschaftliche Oberbegriff für alle Formen der Wahrsagerei. |
| Mantik | Fachwort aus dem Griechischen: die Kunst der Zukunftsdeutung. | Mantik wird gleichbedeutend mit Divination verwendet; daher stammen Namen wie Chiromantie oder Kartomantie. |
| Hellsehen, Hellseherei | Die angebliche Fähigkeit, Verborgenes ohne Hilfsmittel wahrzunehmen. | Hellseher beanspruchen direkte Wahrnehmung, Wahrsager deuten meist Zeichen. Mehr dazu im Beitrag über Hellsichtigkeit. |
| Orakel | Der Ort, das Werkzeug oder der Spruch einer Befragung. | Ein Orakel ist das Mittel, die Wahrsagerei die Tätigkeit. Mehr im Beitrag Was ist ein Orakel?. |
| Zeichendeutung | Die Deutung von Vorzeichen wie Wolkenformationen, Tierbegegnungen oder Träumen. | Zeichendeutung ist eine Teilform der Wahrsagerei. Wo ein Zeichen nur Glück oder Pech ankündigen soll, beginnt der Aberglaube. |
| Fortune telling, seer | Englische Begriffe für Wahrsagerei und Seher. | Ein fortune teller ist ein Wahrsager, ein seer eine Seherin oder ein Seher. |
Für die Person gibt es ebenfalls viele Namen: Wahrsager und Wahrsagerin, Seher und Seherin, Hellseher, Kartenlegerin, Astrologe oder Sterndeuter, Prophet, Zukunftsdeuterin. Ein Medium schließlich beansprucht, Kontakt zu Verstorbenen herzustellen – das ist ein eigenes Feld, das ich im Beitrag über den Jenseitskontakt beschreibe.
Wie funktioniert Wahrsagerei? Die Grundformen der Divination
Schon der römische Politiker und Philosoph Cicero unterschied in seiner Schrift „Über die Wahrsagung“ (De divinatione, 44 v. Chr.) zwei Grundformen, und diese Einteilung wird bis heute verwendet: die künstliche Wahrsagerei, bei der ein Mensch Zeichen nach erlernten Regeln deutet, und die natürliche Wahrsagerei, bei der das Wissen direkt über Träume, Visionen oder Ekstase kommen soll. Forscher ergänzen oft eine dritte Form, bei der eine Gottheit oder ein Geist durch einen Menschen spricht.
| Grundform | Wie das Wissen entstehen soll | Beispiele | Heute |
| Künstliche Wahrsagerei (Zeichendeutung) | Die Wahrsagerin deutet Zeichen nach festen Regeln, die man lernen kann. | Leberschau, Deutung des Vogelflugs, Astrologie, Losorakel | Kartenlegen, Handlesen, Kaffeesatz, Runen, Numerologie |
| Natürliche Wahrsagerei (Eingebung) | Das Wissen kommt ohne Hilfsmittel: im Traum, in einer Vision oder als plötzliche Gewissheit. | Traumdeutung, Visionen der Seher, das zweite Gesicht | Hellsehen, intuitive Beratung, Präkognition |
| Besessenheit (Botschaft durch einen Menschen) | Eine Gottheit oder ein Geist spricht durch einen Menschen. | Die Pythia im Orakel von Delphi, Schamanen in Trance | Channeling, Medien |
Was steckt hinter Wahrsagerei?
Hinter der Wahrsagerei steht eine Weltsicht, die älter ist als jede Wissenschaft: die Überzeugung, dass alles mit allem zusammenhängt. Wenn der Kosmos eine Ordnung hat, dann muss sich das, was kommt, im Kleinen schon ankündigen – in der Beschaffenheit der Leber, im Stand der Sterne, in den Linien der Hand. Für die Menschen der Antike schrieben die Götter ihre Absichten in diese Zeichen; esoterisch gesprochen spiegelt der Mikrokosmos den Makrokosmos. Carl Gustav Jung nannte solche sinnvollen Zufälle Synchronizität, und genau diese Idee nutzen viele Kartenleger, um zu erklären, warum „die richtige Karte“ fällt. Mehr dazu im Beitrag über Synchronizität.
Psychologisch steckt noch etwas anderes dahinter: das Bedürfnis nach Orientierung. Wer vor einer Entscheidung steht, die er nicht überblickt, sucht Halt. Wahrsagerei gibt diesen Halt, indem sie Unsicherheit in eine Geschichte verwandelt. Das erklärt, warum sie in Krisen- und Kriegszeiten stets Hochkonjunktur hatte – und warum sie nie verschwunden ist, obwohl die Aufklärung sie schon im 18. Jahrhundert aus der Wissenschaft verbannte.
Methoden der Wahrsagerei von A bis Z
Der französische Historiker Georges Minois beschreibt in seiner Geschichte der Zukunftsdeutung eine kaum überschaubare Fülle von Methoden, und viele davon tragen einen griechischen Fachnamen mit der Endung „-mantie“. Manche Methoden sind antik, andere erstaunlich jung. Diese Tabelle zeigt die wichtigsten Praktiken und Methoden – von den Wahrsagekünsten der alten Griechen und des antiken Rom bis zu den Orakeln, die heute praktiziert werden. Wo es auf lenormand2go.com einen eigenen Beitrag oder ein Online-Orakel gibt, ist die Methode verlinkt.
| Methode | Fachbegriff | Womit gedeutet wird | Hinweis |
| Astrologie | Sterndeutung | Stand von Sonne, Mond und Planeten zum Zeitpunkt der Geburt oder eines Ereignisses | Die Wurzeln liegen in den Himmelsvorzeichen Mesopotamiens. Das Horoskop ist die bekannteste Form. |
| Bleigießen, Wachsgießen | Molybdomantie | Form des geschmolzenen Metalls oder Wachses nach dem Guss ins kalte Wasser | Klassisches Silvesterorakel. Bleigieß-Sets dürfen wegen des Bleigehalts seit 2018 in der EU nicht mehr verkauft werden; heute nimmt man Wachs oder Zinn. Passt zu den Rauhnächten. |
| Eingeweideschau | Hieroskopie, Leberschau | Farbe, Form und Beschaffenheit der Leber und der Eingeweide von Opfertieren | Die älteste belegte Methode, in Mesopotamien seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. |
| Handlesen | Chiromantie | Lebenslinie, Herzlinie, Kopflinie, Handform und Berge der Hand | In Europa seit dem Mittelalter verbreitet, heute vor allem als Charakterdeutung. |
| I Ging | – | Sechs Linien aus Münz- oder Schafgarbenwürfen, die eines von 64 Hexagrammen ergeben | Chinesisches Weisheitsbuch; über Richard Wilhelms Übersetzung und C. G. Jung im Westen bekannt geworden. |
| Kaffeesatzlesen | Tasseografie | Figuren, die der Kaffeesatz in der Tasse bildet | Beliebt in der Türkei, auf dem Balkan und im Nahen Osten; auch mit Teeblättern. |
| Kartenlegen | Kartomantie | Bilder und Kombinationen von Lenormandkarten, Tarotkarten oder Skatkarten | Die in Deutschland verbreitetste Methode. Den Unterschied der Decks erklärt Tarot und Lenormand im Vergleich. |
| Kristallkugel | Kristallomantie, Scrying | Bilder, die beim Blick in die Wahrsagerkugel aus Glas oder Bergkristall erscheinen | Das Sinnbild der Wahrsagerin schlechthin; verwandt ist der Blick in Spiegel oder Wasser. |
| Losorakel | Kleromantie | Gezogene Stäbchen, Steine, Bohnen oder Lose | Eine der ältesten Methoden weltweit; auch in der Bibel werden Entscheidungen per Los getroffen. |
| Numerologie | Zahlenmystik | Aus Geburtsdatum und Namen errechnete Zahlen wie die Lebenszahl | Beruft sich auf Pythagoras; die heutige Form ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. |
| Pendeln | Radiästhesie | Schwingungsrichtung eines Pendels über einer Frage, einem Foto oder einer Karte | Liefert Ja oder Nein. Der Carpenter-Effekt erklärt, warum sich das Pendel bewegt. |
| Runen | Runenorakel | Gezogene Runensteine aus dem älteren Futhark mit 24 Zeichen | Als Orakel eine moderne Wiederbelebung germanischer Zeichen. |
| Totenbeschwörung | Nekromantie | Befragung Verstorbener über ein Medium oder durch Beschwörung | Schon in der Bibel verboten; heute als Jenseitskontakt angeboten. |
| Traumdeutung | Oneiromantie | Bilder und Handlungen aus Träumen | Form der natürlichen Wahrsagerei; in Mesopotamien, Ägypten und Griechenland verbreitet. |
| Vogelflug | Augurium, Ornithomantie | Flugrichtung, Zahl und Rufe von Vögeln | Die Auguren im antiken Rom deuteten den Vogelflug vor wichtigen Staatsakten. |
| Wolkendeutung | Aeromantie | Wolkenformationen, Wind und Himmelserscheinungen | Teil der antiken Zeichendeutung; heute kaum noch praktiziert. |
| Würfelorakel | Astragalomantie | Geworfene Würfel oder Tierknöchel | In der Antike mit Knöcheln von Schafen, heute mit Würfeln als schnelles Ja-Nein-Orakel. |
Du siehst: Die meisten Methoden brauchen ein Werkzeug, das Zufall erzeugt – Karten, Würfel, Kaffeesatz, Lose – und einen Menschen, der ihn deutet. Das ist kein Nebenaspekt, sondern der Schlüssel zum Verständnis der Wahrsagerei. Dazu mehr im Abschnitt über die Psychologie.
Welche Wahrsagerei passt zu mir?
Die passende Methode hängt weniger vom Glauben als von der Frage ab. Für eine schnelle Ja-Nein-Antwort brauchst Du keine Legung mit 36 Karten, und für eine verfahrene Lebenslage reicht kein Würfel. Diese Übersicht hilft Dir bei der Wahl:
| Deine Frage | Passende Methode | Hier ausprobieren |
| Ja oder nein? | Ja-Nein-Orakel, Pendel, Würfel | Ja-Nein-Orakel, Pendel-Orakel, Würfelorakel |
| Was bringt mir der Tag? | Eine einzelne Karte als Impuls | Tageskarte |
| Wie steht es um meine Liebe? | Kartenlegen mit einer Liebeslegung | Liebeslegung |
| Wie entwickelt sich meine Lage? | Kartenlegen mit mehreren Positionen | 9er-Legung |
| Ich möchte etwas Spielerisches zum Jahreswechsel. | Wachsgießen, Kaffeesatz, Kristallkugel | Kaffeesatz-Orakel, Kristallkugel |
| Ich möchte ein Zeichen für die Woche. | Runen | Tagesrune ziehen |
Geschichte der Wahrsagerei: von der Schafsleber bis zur Hotline
Mesopotamien: Die Götter schreiben in die Leber
Die Geschichte der Wahrsagerei beginnt im Alten Orient. In Mesopotamien, dem Land zwischen Euphrat und Tigris, ist die Leberschau seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. belegt. Der Opferschauer schlachtete ein Schaf, nachdem er dem Sonnengott Šamaš und dem Wettergott Adad eine genau formulierte Frage gestellt hatte. Die Götter, so glaubte man, schrieben ihre Antwort in die Eingeweide des Tieres. Der Opferschauer untersuchte dann Form, Farbe und Beschaffenheit der Leber, bezog die rechte Seite auf die Verhältnisse des Fragenden und die linke auf die des Gegners und zählte die günstigen und ungünstigen Merkmale gegeneinander aus. Heraus kam ein Ja oder ein Nein.
Dieses Wissen war hoch professionell. Das Amt des Opferschauers wurde meist in der Familie vererbt, Tonmodelle von Lebern dienten als Lehrmittel, und in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal lag ein Handbuch der Opferschau von rund 100 Tontafeln. In neuassyrischer Zeit ließ man wichtige Fragen von mehreren unabhängigen Teams prüfen, um Irrtum und Betrug vorzubeugen – eine Art Qualitätskontrolle der Wahrsagerei. Der Heidelberger Assyriologe Stefan Maul hat diesem System 2013 ein ganzes Buch gewidmet: „Die Wahrsagekunst im Alten Orient“. Könige befragten die Leber vor Feldzügen, Bündnissen und Ernennungen. Ein Deutschlandfunk-Beitrag über die Wahrsagerei in Mesopotamien bringt es auf den Punkt: Entscheidend war nicht das Orakel, sondern seine Deutung.
Antike: Delphi, Auguren und die Eingeweideschau der Römer
Im Orakelwesen der alten Griechen war das Orakel von Delphi die berühmteste Adresse. Dort sprach die Pythia, eine Priesterin des Apollon, auf einem Dreifuß über einer Erdspalte; ob wirklich betäubende Dämpfe aufstiegen, ist bis heute umstritten. Ihre Sprüche mussten von Priestern gedeutet werden, und sie waren berühmt für ihre Mehrdeutigkeit. Daneben gab es Seher, die aus Vogelflug, Opfern und Träumen lasen, und den Mythos der Kassandra, deren Weissagungen immer stimmten, der aber niemand glaubte.
Im antiken Rom war Wahrsagerei Staatssache. Die Auguren deuteten den Vogelflug, bevor Magistrate ihr Amt antraten oder Versammlungen stattfanden, und die Haruspices, die aus dem etruskischen Raum kamen, lasen wie die Babylonier aus der Leber – ein bronzenes Lebermodell aus Piacenza zeigt, wie sie die Leber in Felder für einzelne Götter einteilten. Private Wahrsagerei dagegen war verdächtig, weil sie politisch gefährlich werden konnte: Wer einem Kaiser den Tod vorhersagte, stiftete Unruhe. Als das Römische Reich im 4. Jahrhundert christlich wurde, folgten strenge Verbote.
Bibel und Kirche: Warum Wahrsagerei als Sünde gilt
Die Bibel lehnt Wahrsagerei deutlich ab. Das 5. Buch Mose (Deuteronomium 18,10–12) zählt auf, was es im Volk Israel nicht geben soll: Wahrsager, Zeichendeuter, Zauberer, Beschwörer und Totenbeschwörer. Das Verbot trifft Wahrsagerei und Zauberpraktiken gleichermaßen: Wer die Zukunft wissen will, soll Gott befragen, nicht die Zeichen. Umso berühmter ist die Geschichte von König Saul, der sich vor einer Schlacht gegen die Philister doch heimlich an die Totenbeschwörerin von En-Dor wendet (1. Samuel 28). Im Neuen Testament treibt Paulus in Philippi einer Magd den „Wahrsagegeist“ aus, mit dem sie ihren Herren viel Geld einbrachte – worauf die Herren ihn vor Gericht zerren (Apostelgeschichte 16,16–19). Das Geschäft mit der Kundschaft ist also kein modernes Phänomen.
Die katholische Kirche hält an dieser Linie fest. Der Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2116) verwirft sämtliche Formen der Wahrsagerei, ausdrücklich auch Horoskope, Astrologie, Handlesen, die Deutung von Vorzeichen, Hellseherei und das Befragen von Medien, und sieht darin den Versuch, Macht über die Zeit zu gewinnen, die nur Gott zusteht. Ausdrücklich nennt er auch das Anrufen von Satan und Dämonen – daher der alte Vorwurf, Wahrsagerei sei satanisch. Die evangelischen Kirchen sind gelassener: Sie erkennen das Bedürfnis nach Sicherheit an, das hinter der Wahrsagerei steht, und setzen dem das Vertrauen entgegen, dass Gott die Menschen in einer ungewissen Zukunft nicht allein lässt.
Wahrsager im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Trotz aller Verbote blieb die Wahrsagerei im Mittelalter und in der Renaissance allgegenwärtig. Fürsten hielten sich Hofastrologen, und selbst am päpstlichen Hof holte man astrologischen Rat ein. Losbücher, in denen man mit Würfeln oder Zeigern eine Antwort fand, waren beliebte Bücher. Der Astronom Johannes Kepler verdiente als kaiserlicher Mathematiker auch mit Horoskopen Geld – eines davon stellte er 1608 für den jungen Wallenstein. Und 1555 erschienen in Lyon die „Prophezeiungen“ des Arztes und Apothekers Nostradamus, bis heute eines der meistzitierten Bücher der Wahrsagerei.
Auf der Straße sah Wahrsagerei anders aus. Auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern boten Handleserinnen und Kartenlegerinnen ihre Dienste an; Schausteller, Gaukler und anderes fahrendes Volk brachten die Wahrsagerei von Ort zu Ort, und in den Städten galt sie bald als okkult und anrüchig zugleich. Aus dieser Zeit stammt auch das romantisierte Bild der „Zigeunerin“, die aus der Hand liest – ein Klischee, das Sinti und Roma über Jahrhunderte mit Aberglauben und Betrug in Verbindung brachte und das ihnen bis heute schadet.
Vom Salon zur Lenormandkarte
Ende des 18. Jahrhunderts machte der Pariser Etteilla aus dem Tarot ein Wahrsagedeck, und kurz darauf wurde eine Frau zur berühmtesten Wahrsagerin Europas: Marie Anne Lenormand (1772–1843). In ihrem Pariser Salon legte sie Karten und deutete Handlinien; zu ihrer Kundschaft sollen Größen der Revolution und des Kaiserreichs gehört haben – vieles davon hat sie allerdings selbst in die Welt gesetzt. Die 36 Karten, die heute ihren Namen tragen, hat sie nie benutzt. Sie gehen auf das „Spiel der Hoffnung“ um 1799 zurück und kamen erst nach ihrem Tod unter ihrem Namen in den Handel.
Verboten und wieder erlaubt: Wahrsagerei in Deutschland
In Deutschland stand Wahrsagen lange unter Strafe. Das hessische Polizeistrafgesetz von 1855 bestrafte Leute, die sich „gewerbsmäßig mit Wahrsagen“, mit Traumdeutung „und dergleichen Gaukeleien“ abgaben, mit bis zu zehn Gulden oder acht Tagen Gefängnis. Das bayerische Polizeistrafgesetzbuch von 1871 nannte ausdrücklich Wahrsagen und Kartenschlagen. Im Ersten Weltkrieg, als Hellseher Hochkonjunktur hatten, erließen Militärbefehlshaber eigene Verbote, und der Jurist Albert Hellwig forderte 1921, die Strafbarkeit des Wahrsagens neben dem Betrug gesetzlich zu regeln. In der NS-Zeit wurden solche Verordnungen erneuert (LTO: Als das Wahrsagen unter Strafe stand).
Noch am 11. Oktober 1945 verboten Berlins Oberbürgermeister und Polizeipräsident per Polizeiverordnung die „entgeltliche Wahrsagerei“, ausdrücklich einschließlich Kartenlegen, Horoskop, Sterndeuterei sowie Zeichen- und Traumdeutung, bei 150 Reichsmark Strafe (LTO: Nach dem Krieg). 1947 musste sich der bayerische Brunnenbauer und Hellseher Alois Irlmaier vor dem Amtsgericht Laufen wegen Betrugs und Gaukelei verantworten und wurde freigesprochen. Die Wende kam 1965: Das Bundesverwaltungsgericht entschied, dass die entgeltliche Tätigkeit als Astrologe ein Beruf im Sinne der Berufsfreiheit ist. Dass Astrologie wissenschaftlich umstritten sei, ändere daran nichts (BVerwG, Urteil vom 4. November 1965, I C 6.63). Seitdem ist Wahrsagerei in Deutschland ein erlaubtes Gewerbe.
Wie Wahrsagerei heute praktiziert wird: Hotline, App und KI
Heute findet Wahrsagerei vor allem am Telefon und im Internet statt. Astro-Sender im Fernsehen, Beratungsportale mit Gratisminuten, Apps mit täglichem Horoskop und Online-Orakel haben die Wahrsagerin vom Jahrmarkt ins Wohnzimmer geholt. Die neueste Form ist das Wahrsagen mit künstlicher Intelligenz: Viele Menschen lassen sich ihre Karten inzwischen von ChatGPT und Co. deuten. Wie gut das funktioniert, habe ich in einem großen Test ausprobiert: Lenormand mit KI deuten.
Berühmte Wahrsagerinnen und Wahrsager
Wer ist der bekannteste Hellseher oder Wahrsager? Die meisten Menschen nennen Nostradamus. Auf der Liste stehen aber auch Frauen, die ganze Epochen geprägt haben – und einige, deren Ruhm vor allem auf Vorhersagen beruht, die sie nie gemacht haben.
| Name | Lebenszeit | Wofür berühmt | Was davon bleibt |
| Die Pythia | Delphi, bis um 390 n. Chr. | Priesterin des Apollon im Orakel von Delphi; Könige und Städte befragten sie vor Kriegen und Koloniegründungen. | Ihre Sprüche waren so mehrdeutig, dass sie fast immer passten. Krösus deutete eine Antwort falsch und verlor sein Reich. |
| Kassandra | Mythos, Troja | Trojanische Seherin, deren Warnungen immer stimmten, der aber niemand glaubte. | Ihr Name steht heute für jede überhörte Warnung – der Kassandraruf. |
| Nostradamus | 1503–1566 | Französischer Arzt und Apotheker; seine „Prophezeiungen“ erschienen 1555 in Lyon, spätere Ausgaben enthalten 942 Vierzeiler in zehn Centurien. | Die Verse sind vage und undatiert. Sie werden nach großen Ereignissen passend zitiert, vorher hat noch niemand damit ein Ereignis überprüfbar vorausgesagt. |
| Marie Anne Lenormand | 1772–1843 | Die berühmteste Wahrsagerin Frankreichs mit einem Salon in Paris; Namensgeberin der Lenormandkarten. | Viele Geschichten über ihre prominente Kundschaft stammen aus ihren eigenen Büchern. |
| Edgar Cayce | 1877–1945 | US-Amerikaner, der als „schlafender Prophet“ im tranceartigen Zustand Tausende von Deutungen gab, vor allem zu Krankheiten. | Seine Anhänger sammeln die Texte bis heute; überprüfbare Treffer sind nicht belegt. |
| Alois Irlmaier | 1894–1959 | Brunnenbauer aus Freilassing; soll im Zweiten Weltkrieg Bombeneinschläge und das Schicksal vermisster Soldaten gesehen haben. | Das Amtsgericht Laufen sprach ihn 1947 vom Vorwurf des Betrugs und der Gaukelei frei. Er schrieb selbst nichts auf; seine Visionen eines dritten Weltkriegs kennt man nur aus den Aufzeichnungen anderer. |
| Jeane Dixon | 1904–1997 | US-Astrologin; schrieb 1956, der Wahlsieger von 1960 werde ein Demokrat sein und im Amt sterben. | Später sagte sie Nixons Sieg voraus und irrte sich oft. Nach ihr ist der Jeane-Dixon-Effekt benannt. |
| Baba Wanga | 1911–1996 | Blinde bulgarische Seherin aus Rupite, die zu Zeiten des Kalten Krieges Berühmtheit erlangte. | Schriftliche Aufzeichnungen ihrer Vorhersagen gibt es nicht. Viele Prophezeiungen, die im Internet kursieren, wurden ihr nachträglich zugeschrieben. |
Auffällig ist, wie ähnlich die Geschichten verlaufen: Ein Treffer wird berühmt, die vielen Fehlschläge werden vergessen. Der Mathematiker John Allen Paulos nannte das den Jeane-Dixon-Effekt – eine Handvoll richtiger Vorhersagen wird gefeiert, die weit größere Zahl falscher ignoriert. Wer genug vorhersagt, liegt irgendwann richtig.
Ist Wahrsagerei erlaubt? Die Rechtslage in Deutschland
Ja, Wahrsagerei ist in Deutschland erlaubt – und zwar als Beruf. Die wichtigsten Regeln im Überblick:
| Frage | Rechtslage | Grundlage |
| Darf man gegen Geld wahrsagen? | Ja. Die entgeltliche Tätigkeit als Astrologe ist ein Beruf, der durch die Berufsfreiheit geschützt ist. Dasselbe gilt für Kartenlegen und andere Formen der Wahrsagerei. | Art. 12 GG; BVerwG, 4.11.1965, I C 6.63 |
| Ist Wahrsagen ein Gewerbe? | Ja. Wer gegen Geld wahrsagt, übt nach Auffassung des Bundesfinanzhofs keinen freien Beruf aus, sondern ein Gewerbe – mit Gewerbeanmeldung und Gewerbesteuer. | BFH, 30.3.1976, VIII R 137/75 |
| Muss der Kunde zahlen, obwohl Wahrsagen nicht funktioniert? | Grundsätzlich ja. Der Bundesgerichtshof hält die Leistung zwar für objektiv unmöglich, wer sie aber bewusst einkauft, muss sie auch bezahlen. | BGH, 13.1.2011, III ZR 87/10 |
| Wann ist ein Wahrsagevertrag nichtig? | Wenn er sittenwidrig ist – etwa weil die Wahrsagerin eine schwierige Lebenssituation, Leichtgläubigkeit oder psychische Labilität ihrer Kundschaft ausnutzt. | § 138 BGB; BGH, III ZR 87/10 |
| Wann wird Wahrsagerei strafbar? | Wenn jemand mit Täuschung Geld erschleicht, etwa für das Lösen eines angeblichen Fluchs, der gar nicht existiert. Dann kommt Betrug in Betracht. | § 263 StGB |
| Was darf Wahrsagen am Telefon kosten? | Über 0900-Nummern höchstens 3 Euro pro Minute oder 30 Euro pro Anruf beim Festpreis; nach 60 Minuten wird die Verbindung getrennt. | § 112 TKG, § 113 TKG |
Der BGH-Fall von 2011 zeigt, worum es in der Praxis geht. Eine Kartenlegerin hatte einen Mann, der wegen Beziehungsproblemen in eine Lebenskrise geraten war, seit September 2007 beraten, vielfach am Telefon. Allein 2008 zahlte er ihr mehr als 35.000 Euro. Als sie für Januar 2009 weitere 6.723,50 Euro verlangte, zahlte er nicht mehr. Der BGH stellte klar: Dass Kartenlegen nach wissenschaftlichen Maßstäben nicht funktioniert, befreit nicht vom Zahlen, wenn man sich bewusst darauf eingelassen hat. Er verwies den Fall aber zurück, damit geprüft wird, ob der Vertrag sittenwidrig war – denn viele Menschen, die solche Verträge schließen, stecken in einer schwierigen Lebenssituation.
Übrigens: In der Internationalen Standardklassifikation der Berufe, die auch die EU verwendet, haben Astrologen und Wahrsager die Nummer 5161. Sie stehen dort in einer Gruppe mit Bestattern, Tierpflegern und Fahrlehrern – nüchterner lässt sich die Wahrsagerei kaum einordnen.
Was kostet Wahrsagen? Preise pro Minute und Sitzung
Wie viel kostet Wahrsagen pro Minute? Das hängt vom Weg ab, über den Du eine Wahrsagerin befragst. Die großen Portale werben mit Gratisminuten oder einem Startguthaben; danach kostet die Minute bei einem der bekanntesten Anbieter ab 1,90 Euro (Stichprobe September 2026). Für 0900-Nummern gilt die gesetzliche Obergrenze von 3 Euro pro Minute. Bei Portalen, die über ein Kundenkonto mit Guthaben abrechnen, gilt dagegen der Preis des Portals und der einzelnen Beraterin.
| Angebot | Was Du zahlst | Rechenbeispiel | Worauf Du achten solltest |
| Telefonportal | Nach Gratisminuten meist ab etwa 1,90 Euro pro Minute, je nach Beraterin mehr | 30 Minuten zu 1,90 Euro = 57 Euro | Gratisminuten gelten meist nur beim ersten Anruf. Lege vorher ein Limit fest. |
| 0900-Nummer | Höchstens 3 Euro pro Minute, Trennung nach 60 Minuten | 60 Minuten zu 3 Euro = 180 Euro | Der Preis muss vor Beginn des kostenpflichtigen Gesprächs angesagt werden. |
| Sitzung vor Ort oder per Video | Frei vereinbarter Preis pro Sitzung | Hängt von Dauer und Anbieterin ab | Preis und Dauer vorher schriftlich klären; keine Zusatzkosten für „Rituale“ akzeptieren. |
| Kostenlose Online-Orakel | Nichts | 0 Euro | Gut für eine Tageskarte oder eine Ja-Nein-Frage, zum Beispiel mit dem Ja-Nein-Orakel. |
| Selbst lernen | Ein Kartendeck und etwas Zeit | Einmalig ein Deck | Du bleibst unabhängig. Wie das geht, steht im Beitrag Sich selbst die Karten legen. |
Das eigentliche Risiko ist nicht der einzelne Anruf, sondern die Gewohnheit. Wer vor jeder Entscheidung anruft, gibt die eigene Urteilskraft ab – und bezahlt dafür, wie der BGH-Fall mit mehr als 35.000 Euro in einem Jahr zeigt. Wie oft eine Befragung sinnvoll ist, beschreibe ich im Beitrag Wie oft Karten legen?.
Seriöse Wahrsager erkennen: Warnsignale und gute Zeichen
Eine seriöse Wahrsagerin kann Dir die Zukunft nicht zeigen – das kann niemand. Seriös ist, wer das weiß und entsprechend arbeitet. Unseriös wird es dort, wo Angst, Druck und immer neue Zahlungen ins Spiel kommen. Diese Warnsignale solltest Du kennen:
| Warnsignal | Warum es gefährlich ist |
| Du bekommst eine schlimme Vorhersage – und gleich das Gegenmittel dazu. | Ein Fluch, eine dunkle Energie oder ein „Schwarzmagier“ wird diagnostiziert, und das Lösen kostet extra. Das ist die klassische Masche, die auch bei Partnerrückführungen und Liebeszaubern verbreitet ist. |
| Es wird Druck gemacht. | Sätze wie „Nur noch heute“ oder „Es ist gefährlich zu warten“ sollen verhindern, dass Du nachdenkst. |
| Dir wird ein sicheres Ergebnis versprochen. | Niemand kann garantieren, dass ein Partner zurückkommt oder ein Geschäft gelingt. Ein Versprechen ist ein Verkaufsargument, keine Vorhersage. |
| Du sollst ärztlichen oder therapeutischen Rat meiden. | Bei Gesundheit, Recht und Geld gehören Fachleute an den Tisch. Wer Dir etwas anderes rät, spielt mit Deinem Wohl. |
| Die Sitzungen nehmen kein Ende. | Wenn jedes Gespräch mit einer offenen Frage endet, die nur das nächste Gespräch klären kann, bist Du Teil eines Geschäftsmodells. |
| Die Wahrsagerin weiß erstaunlich viel über Dich. | Manche Anbieter recherchieren vorher in sozialen Netzwerken. Dieses Hot Reading wirkt wie Hellsehen und ist doch nur Vorbereitung. |
Gute Zeichen sind das Gegenteil: Der Preis steht vorher fest. Die Wahrsagerin sagt Dir offen, was die Karten können und was nicht. Sie deutet Möglichkeiten statt ein unabänderliches Schicksal. Sie lässt Dich nach dem Gespräch gehen, ohne einen neuen Termin nahezulegen – und sie nimmt es Dir nicht übel, wenn Du einer Deutung widersprichst. Wenn Dich eine Vorhersage beunruhigt, hilft Dir vielleicht der Beitrag Angst vor dem Kartenlegen.
Warum Wahrsagen sich wahr anfühlt: die Psychologie dahinter
Kann man die Zukunft vorhersagen? Nicht mit Karten, Sternen oder Kaffeesatz – keine Methode hat in kontrollierten Versuchen besser abgeschnitten als der Zufall. Warum fühlen sich Wahrsagungen dann so oft zutreffend an? Die Psychologie kennt dafür mehrere gut untersuchte Mechanismen. Sie erklären die Treffer, ohne dass jemand lügen muss – oft täuscht sich die Wahrsagerin genauso wie ihre Kundschaft.
| Effekt | Was passiert | Wie es in einer Sitzung aussieht |
| Barnum-Effekt | Allgemeine Aussagen, die auf fast jeden passen, werden als persönlich treffend erlebt. | „Du wirkst nach außen stark, aber innerlich zweifelst Du manchmal an Dir.“ |
| Cold Reading | Die Wahrsagerin liest Alter, Kleidung, Sprache und Reaktionen und tastet sich mit Fragen und Andeutungen voran. | „Ich sehe einen Mann mit einem J oder G … das sagt Dir etwas?“ |
| Hot Reading | Informationen werden vorher beschafft, heute oft aus sozialen Netzwerken. | Die Wahrsagerin „sieht“ den Namen Deiner Katze. |
| Bestätigungsfehler | Wir erinnern Treffer und vergessen Fehlschläge. | Von zehn Aussagen bleibt die eine hängen, die gestimmt hat. |
| Selbsterfüllende Prophezeiung | Die Vorhersage verändert das Verhalten und trägt so zu ihrem Eintreten bei. | Wer hört, dass eine Liebe kommt, geht offener auf Menschen zu. |
| Kontrollillusion | Ein Ritual gibt das Gefühl, eine unsichere Lage beeinflussen zu können. | Nach der Befragung fühlst Du Dich ruhiger, obwohl sich nichts verändert hat. |
Der bekannteste Versuch dazu stammt von dem US-Psychologen Bertram Forer. Er ließ 1948 seine 39 Studierenden einen Persönlichkeitstest ausfüllen und gab jedem angeblich persönlich ein Ergebnis zurück. In Wahrheit bekamen alle denselben Text, zusammengestellt aus einem Astrologiebuch vom Zeitungskiosk. Die Studierenden bewerteten die Treffsicherheit im Schnitt mit 4,3 von 5 Punkten (Forer 1949, Journal of Abnormal and Social Psychology). Mehr über diese Mechanismen – und warum sie das Kartenlegen trotzdem nicht wertlos machen – steht im Beitrag Warum Kartenlegen wirkt, obwohl die Karten nichts wissen.
Glauben Wahrsager selbst daran?
Oft ja – und genau das macht die Sache so überzeugend. Der US-Psychologe Ray Hyman, der 1977 die klassische Beschreibung des Cold Reading veröffentlichte, hatte als junger Mann selbst Handlesen betrieben und war nach einigen Jahren überzeugt, dass es funktioniert. Bis ihm ein Kollege, Stanley Saks, einen Test vorschlug: Hyman sollte seinen Kunden das Gegenteil dessen sagen, was die Linien ihrer Hand angeblich bedeuteten. Das Ergebnis: Seine Deutungen kamen genauso gut an wie vorher. Die Wirkung lag nicht in der Hand, sondern im Gespräch.
Ich kenne das aus mehr als zwanzig Jahren Kartenlegen. Wenn eine Deutung trifft, fühlt sich das an wie ein Beweis. Ich glaube trotzdem nicht, dass die Karten die Zukunft kennen. Ich glaube, dass sie etwas anderes gut können: Sie geben Dir einen Anlass, Deine Lage ehrlich anzuschauen, und Bilder, mit denen Du über Dinge sprechen kannst, die Du sonst nicht in Worte fasst. Wer das weiß, kann Karten legen, ohne sich etwas vorzumachen – und ohne sich von einer Vorhersage abhängig zu machen.
Ist Wahrsagerei eine Sünde? Die Sicht der Religionen
Ob Wahrsagerei eine Sünde, haram oder Schirk ist, fragen viele Gläubige. Die großen Religionen antworten unterschiedlich streng:
| Religion | Haltung zur Wahrsagerei | Beleg |
| Judentum | Verboten. Das Volk Israel soll Gott befragen, nicht Zeichen deuten oder Tote beschwören. | Deuteronomium 18,10–12; Levitikus 19,31 |
| Katholische Kirche | Verboten. Sämtliche Formen der Wahrsagerei gelten als Versuch, Macht über die Zukunft zu erlangen, die Gott zusteht. | Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2116 |
| Evangelische Kirchen | Ablehnend, aber gelassener. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird anerkannt, die Antwort ist Gottvertrauen statt Horoskop. | Protestantische Ethik; keine verbindliche Lehrschrift |
| Islam | Verboten (haram). Nur Gott kennt das Verborgene; wer einem Wahrsager glaubt, begeht nach verbreiteter Lehre Schirk. Wer ihn nur befragt, dessen Gebet wird nach einem bekannten Hadith 40 Nächte lang nicht angenommen. | Koran, Sure 27, Vers 65; Sahih Muslim 2230 |
| Hinduismus | Weitgehend akzeptiert. Die vedische Astrologie (Jyotisha) wird vielerorts für Hochzeitstermine und Horoskopvergleiche genutzt. | Tradition des Jyotisha |
Für viele Menschen ist Wahrsagerei heute weder Glaubensfrage noch Sünde, sondern Lebenshilfe oder Unterhaltung. Wer religiös gebunden ist und unsicher ist, ob Kartenlegen für ihn in Ordnung ist, sollte die Frage mit einer Vertrauensperson seiner Gemeinde besprechen – nicht mit einer Wahrsagerin.
Ist Kartenlegen Wahrsagerei? Tarot, Lenormand und Astrologie
Ist Tarot Wahrsagerei? Ist Astrologie Wahrsagerei? Historisch ja: Kartenlegen heißt in der Fachsprache Kartomantie, die Astrologie ist die klassische Sterndeutung, und beide zählen seit jeher zu den Methoden der Wahrsagerei. Die Tarotkarten wurden allerdings erst Ende des 18. Jahrhunderts zum Wahrsagedeck, vorher waren sie ein Spiel. Und die meisten Menschen, die heute Tarot, Lenormand oder Horoskope nutzen, wollen nicht mehr ein festes Schicksal erfahren, sondern ihre Lage besser verstehen.
Genau so arbeite ich mit den Lenormandkarten: Die Karten zeigen ein Bild der Lage, keine unabänderliche Zukunft. Sie beantworten die Frage „Was ist gerade los, und wohin entwickelt es sich, wenn nichts passiert?“ – und lassen Dir die Entscheidung. Wenn Du das selbst ausprobieren möchtest, beginne mit einer Tageskarte, einer Liebeslegung oder den anderen kostenlosen Orakeln im Orakel-Bereich. Wer es gründlich lernen möchte, findet die Grundlagen auf der Seite Lenormandkarten legen und bald im Kurs Kartenlegen lernen.
Fazit: Was Wahrsagerei kann – und was nicht
Wahrsagerei ist so alt wie die Schrift und vermutlich älter. Von der Leberschau in Mesopotamien über die Pythia in Delphi und die Auguren im antiken Rom bis zur Kartenlegerin am Telefon folgt sie demselben Muster: Ein Mensch steht vor einer ungewissen Zukunft, ein Zeichen wird befragt, und ein anderer Mensch deutet es. Dass die Zeichen selbst etwas wissen, ist nicht belegt. Dass die Deutung Menschen bewegen, trösten und zu Entscheidungen bringen kann, dagegen sehr wohl.
Darin liegt beides: der Wert der Wahrsagerei und ihre Gefahr. Genutzt als Anlass zum Nachdenken, kann eine Karte, ein Horoskop oder ein Blick in den Kaffeesatz Dir helfen, Deine Lage klarer zu sehen. Genutzt als Ersatz für eigene Entscheidungen, macht sie abhängig und manchmal arm. Wähle Deine Methode nach Deiner Frage, bleib bei Gesundheit, Geld und Recht bei Fachleuten – und vertraue am Ende mehr Deinem eigenen Urteil als jeder Vorhersage.
Häufig gestellte Fragen zur Wahrsagerei
Was ist Wahrsagerei?
Wahrsagerei ist der Sammelbegriff für alle Praktiken, mit denen Menschen zukünftige Ereignisse vorhersagen oder Verborgenes erkennen wollen – etwa durch Kartenlegen, Astrologie, Handlesen, Kaffeesatzlesen oder die Kristallkugel. Der Fachbegriff lautet Divination oder Mantik. Das Wort Wahrsagerei gilt als abwertend; neutral spricht man vom Wahrsagen.
Wie nennt man Wahrsagen noch?
Wahrsagen heißt auch Weissagung, Wahrsagung, Zukunftsdeutung, Divination oder Mantik. Verwandt sind Prophezeiung, Hellseherei, Zeichendeutung und Orakel. Eine Person, die wahrsagt, nennt man Wahrsager, Seherin, Hellseher oder Zukunftsdeuterin.
Was steckt hinter Wahrsagerei?
Hinter der Wahrsagerei steht die alte Vorstellung, dass alles zusammenhängt und sich die Zukunft in Zeichen ankündigt. Psychologisch steckt das Bedürfnis nach Orientierung dahinter. Dass Wahrsagungen oft zutreffend wirken, erklären Barnum-Effekt, Cold Reading und Bestätigungsfehler.
Welche Arten von Wahrsagerei gibt es?
Man unterscheidet künstliche Wahrsagerei, bei der Zeichen nach Regeln gedeutet werden – Kartenlegen, Astrologie, Handlesen, Runen, Pendel, Kaffeesatz –, und natürliche Wahrsagerei, bei der das Wissen durch Träume, Visionen oder Eingebung kommen soll. Historisch kamen Eingeweideschau, Leberschau und die Deutung des Vogelflugs dazu.
Wer ist der bekannteste Hellseher?
Der bekannteste Hellseher ist Nostradamus (1503–1566), dessen „Prophezeiungen“ 1555 erschienen. Zu den berühmtesten Wahrsagerinnen zählen die Pythia von Delphi, Marie Anne Lenormand, Jeane Dixon und die Bulgarin Baba Wanga.
Wie viel kostet Wahrsagen pro Minute?
Telefonportale verlangen nach Gratisminuten meist ab etwa 1,90 Euro pro Minute, je nach Beraterin auch mehr. Über 0900-Nummern darf eine Minute höchstens 3 Euro kosten, und nach 60 Minuten wird die Verbindung getrennt. Ein halbstündiges Gespräch kostet damit schnell zwischen knapp 60 und 90 Euro.
Ist Wahrsagerei in Deutschland erlaubt?
Ja. Seit einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1965 gilt Wahrsagen als Beruf, der durch die Berufsfreiheit geschützt ist; steuerlich ist es ein Gewerbe. Verträge können aber sittenwidrig sein, und wer mit Täuschung Geld erschleicht, kann sich wegen Betrugs strafbar machen.
Gibt es Wahrsagerei wirklich?
Wahrsagerinnen und Wahrsager gibt es in jeder Kultur. Einen wissenschaftlichen Nachweis, dass eine Methode die Zukunft besser vorhersagt als der Zufall, gibt es aber nicht. Viele Menschen erleben Wahrsagungen dennoch als hilfreich, weil sie zum Nachdenken über die eigene Lage anregen.
Ist Wahrsagerei eine Sünde?
Nach christlicher Lehre ja: Die Bibel verbietet Wahrsagerei (Deuteronomium 18,10–12), und der Katechismus der Katholischen Kirche verwirft sämtliche Formen der Wahrsagerei. Die evangelischen Kirchen lehnen sie ebenfalls ab, urteilen aber gelassener.
Ist Wahrsagerei haram?
Nach islamischer Lehre ja. Nur Gott kennt das Verborgene (Sure 27, Vers 65). Nach einem bekannten Hadith (Sahih Muslim 2230) wird das Gebet dessen, der einen Wahrsager befragt, 40 Nächte lang nicht angenommen; wer ihm glaubt, begeht nach verbreiteter Lehre Schirk.
Ist Tarot Wahrsagerei?
Historisch ja: Seit Ende des 18. Jahrhunderts werden Tarotkarten zum Wahrsagen genutzt, Kartenlegen heißt in der Fachsprache Kartomantie. Viele Menschen nutzen Tarot und Lenormand heute aber nicht, um ein festes Schicksal zu erfahren, sondern um ihre Lage besser zu verstehen.
Ist Astrologie Wahrsagerei?
Ja, die Astrologie ist die klassische Sterndeutung und gehört zu den ältesten Methoden der Wahrsagerei. Ihre Wurzeln liegen in den Himmelsvorzeichen Mesopotamiens. Rechtlich wurde gerade die Astrologie 1965 als Beruf anerkannt.
Woran erkenne ich seriöse Wahrsager?
Seriöse Wahrsager nennen den Preis vorher, versprechen keine Ergebnisse, machen keine Angst und verkaufen keine Rituale gegen Flüche. Sie raten Dir nie von Ärzten, Anwälten oder Therapeuten ab und drängen Dich nicht zu weiteren Sitzungen.
Kann man Wahrsagen lernen?
Die Deutungsmethoden kann man lernen, am besten mit einem Kartendeck. Mit den Lenormandkarten reichen die Bedeutungen der 36 Karten und ein paar einfache Legungen für den Anfang. Das eigentliche Handwerk ist die Deutung: Karten miteinander zu verbinden und auf eine Frage zu beziehen.

Damian Garrett
Legt seit 2005 die Lenormandkarten. Autor des Lenormand-Praxisbuchs und Entwickler eines eigenen Systems zur Deutung der Kartenkombinationen. Hauptberuflich in der psychologischen Lehre und Forschung. → Mehr über den Autor















