Kurzantwort: Die Karten sagen nichts vorher – das ist geprüft und das Ergebnis ist eindeutig. Trotzdem ist es kein Selbstbetrug, wenn Dir eine Legung weiterhilft. Was hilft, ist nicht die Karte, sondern was sie mit Deinem Denken macht: Sie zwingt Dich, eine unklare Lage in feste Begriffe zu übersetzen und Dir selbst zu erklären. Dieser Effekt ist messbar. Er verschwindet auch dann nicht, wenn Du genau weißt, wie er zustande kommt.
Ich lege seit 2005 die Lenormandkarten. Hauptberuflich arbeite ich in der psychologischen Lehre und Forschung. Diese Kombination ist ungewöhnlich genug, dass ich regelmäßig danach gefragt werde – meistens von einer der beiden Seiten mit einem leichten Stirnrunzeln.
Die Antwort, die ich darauf gebe, ist unbequem für beide Lager. Für die Skeptiker: Ja, die Karten wissen nichts, und nein, das ist kein Grund, damit aufzuhören. Für die Kartenleger: Nein, es gibt keine Kraft in den 36 Bildern, und nein, Du musst deswegen nichts aufgeben, was Dir tatsächlich nützt.
Dieser Text erklärt, warum beides gleichzeitig stimmen kann.
Zwei Fragen, die ständig verwechselt werden
Fast jede Diskussion über Kartenlegen scheitert daran, dass zwei völlig verschiedene Fragen als eine behandelt werden.
Die erste Frage: Enthalten die Karten Information über die Welt, die man sonst nicht hätte? Sagen sie Ereignisse vorher, offenbaren sie fremde Gefühle, kennen sie Termine?
Die zweite Frage: Verändert eine Legung, wie ein Mensch über seine Lage nachdenkt – und lässt sich das messen?
Die erste Frage ist beantwortet. Die Antwort ist nein, und sie ist so gut belegt, wie Antworten in der Psychologie eben werden. Die zweite Frage ist weitgehend unbeantwortet, aber es gibt angrenzende Forschung, die ziemlich genau zeigt, welcher Mechanismus hier arbeitet.
Wer die beiden Fragen zusammenwirft, landet zwangsläufig in einem der zwei sinnlosen Lager: „Alles Blödsinn“ oder „Die Karten wissen es doch“. Beides ist zu billig.
Was tatsächlich geprüft wurde: Die Karten wissen nichts
Wahrsagerische Verfahren sind über Jahrzehnte kontrolliert getestet worden. Das Bild ist bemerkenswert einheitlich.
Der Astrologie-Doppelblindtest von Shawn Carlson (1985, Nature) gilt bis heute als der methodisch sauberste Test dieser Art. 28 Astrologen, von Berufsverbänden selbst als kompetent benannt, sollten zu 116 Geburtshoroskopen jeweils drei Persönlichkeitsprofile zuordnen – eines echt, zwei zufällig. Zusätzlich sollten 83 Probanden ihre eigene astrologische Deutung unter drei Deutungen erkennen. Beide Male: Zufallsniveau.
Geoffrey Dean und Ivan Kelly (2003) haben über 40 kontrollierte Studien mit rund 700 Astrologen zusammengefasst. Die mittlere Effektstärke lag bei 0,051 – statistisch nicht von null zu unterscheiden, und selbst dieser Rest vermutlich durch Publikationsbias aufgebläht. Der interessanteste Einzelwert ihrer Arbeit: Die Übereinstimmung zwischen den Astrologen lag bei 0,101. Sie waren sich also nicht einmal untereinander einig, was dasselbe Horoskop bedeutet.
Dieselben beiden Autoren haben eine Kohorte ausgewertet, die für die Frage ideal ist: 2.101 Menschen, die im März 1958 in London geboren wurden, bei 92 Prozent die Geburtszeit auf fünf Minuten genau. Wenn der Zeitpunkt etwas festlegt, müssten diese „Zeitzwillinge“ einander in Intelligenz, Beruf und Verhalten ähneln. Über 110 erhobene Merkmale hinweg: Effektstärke 0,00.
Und für die Beratungssituation, die dem Kartenlegen am nächsten kommt: Ciarán O’Keeffe und Richard Wiseman (2005) ließen fünf Medien je fünf Personen lesen. Die Ratsuchenden bekamen anschließend alle fünf Lesungen anonymisiert vorgelegt und sollten die eigene erkennen. Sie erkannten sie nicht. Schlimmer: Die für sie bestimmte Lesung wurde im Schnitt sogar als etwas weniger passend bewertet als die fremden. Was durchweg hoch bewertet wurde, waren die allgemein gehaltenen Aussagen – unabhängig davon, für wen sie gedacht waren.
Zum Lenormand selbst gibt es solche Tests nicht, und zum Tarot ebenso wenig – geprüft wurden Astrologie und Mediumschaft. Das ist kein Schlupfloch, auf das man sich zurückziehen könnte. Die Verfahren unterscheiden sich in den Bildern, nicht in dem, was sie behaupten: dass eine zufällige Anordnung etwas über eine bestimmte Person und ihre Zukunft aussagt. Überall dort, wo genau diese Behauptung unter Kontrolle geprüft wurde, ist sie durchgefallen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass 36 Lenormandkarten leisten, woran 78 Tarotkarten und zwölf Tierkreiszeichen gescheitert sind.
Ich kenne keinen seriösen Befund, der dagegenspricht. Wer mir erzählt, seine Karten hätten den Anruf vom Dienstag vorhergesagt, erzählt mir etwas über sein Gedächtnis, nicht über die Karten. Warum das so ist, kommt gleich.
Warum sich eine Deutung trotzdem treffend anfühlt
Wenn die Karten nichts wissen, muss erklärt werden, warum so viele Menschen – ich eingeschlossen – die Erfahrung machen, dass eine Legung „stimmt“. Dafür gibt es keine einzelne Erklärung, sondern drei, die sich gegenseitig verstärken.
1. Allgemeine Aussagen fühlen sich persönlich an
1948 gab Bertram Forer seinen Studierenden einen erfundenen Persönlichkeitstest und anschließend allen dieselbe dreizehn Sätze lange Auswertung, die er aus einem Astrologie-Heftchen zusammengestellt hatte. Auf einer Skala von 0 bis 5 sollten sie beurteilen, wie gut die Beschreibung auf sie zutrifft. Der Mittelwert lag bei rund 4,3. Fast alle hielten eine Beschreibung für treffend individuell, die für jeden Menschen im Raum identisch war. Forer veröffentlichte das 1949 unter dem schönen Titel The fallacy of personal validation. Geläufiger ist heute der Name Barnum-Effekt – nach dem Zirkusdirektor P. T. Barnum, dem der Satz zugeschrieben wird, in seinem Programm sei für jeden etwas dabei.
Dieser Effekt ist eine der stabilsten Demonstrationen der Psychologie. Corentin Gonthier und Noémylle Thomassin (2025) haben ihn über fünf aufeinanderfolgende Jahrgänge mit 2.269 Teilnehmenden wiederholt: 85 Prozent bewerteten die Auswertung des Fantasietests über dem neutralen Punkt.
Er wird stärker, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Die Aussage wirkt individuell für Dich erstellt. Sie kommt von jemandem mit Autorität. Und sie ist eher freundlich als unfreundlich formuliert.
Jetzt sieh Dir an, wie eine Kartendeutung aussieht. „Die Wolken zeigen eine Phase, in der Du selbst noch nicht sicher bist, wohin es geht.“ Das ist individuell adressiert, es kommt von jemandem, der die Karten kennt, und es ist wohlwollend. Es ist die Forer-Konstellation in Reinform.
2. Du suchst und behältst, was passt
Menschen suchen bevorzugt Informationen, die zu ihrer Ausgangsannahme passen. Hart und Kollegen (2009) haben das über 91 Studien mit rund 8.000 Personen zusammengefasst und einen mittleren Effekt von d = 0,36 gefunden. Kein dramatischer Wert, aber ein zuverlässiger.
Dazu kommt der Rückschaufehler – das „Ich hab’s ja gewusst“-Phänomen. Neal Roese und Kathleen Vohs (2012) fassen einen Forschungsstand zusammen, der über hunderte Studien hinweg stabil ist und keine Hinweise auf Publikationsbias zeigt: Sobald wir wissen, wie etwas ausgegangen ist, erinnern wir unsere frühere Einschätzung als treffender, als sie war.
Für eine Legung heißt das: Von zehn Aussagen bleiben die zwei im Gedächtnis, die eingetroffen sind. Die acht anderen verschwinden nicht spektakulär – sie verschwinden einfach. Und die zwei, die geblieben sind, erinnerst Du im Nachhinein als präziser, als sie formuliert waren.
3. Erfahrung schützt nicht davor – im Gegenteil
Der Befund, der mich beim Kartenlegen am meisten beschäftigt, stammt aus der klinischen Diagnostik. Loren und Jean Chapman (1967) legten Versuchspersonen ohne jede Vorbildung Zeichnungen aus einem psychologischen Testverfahren vor, gepaart mit Symptombeschreibungen. Die Zuordnung war ohne systematischen Zusammenhang. Trotzdem berichteten die Beobachter anschließend genau jene Zusammenhänge, an die auch erfahrene Kliniker glaubten – große Augen deuteten auf Misstrauen, breite Schultern auf Zweifel an der eigenen Männlichkeit. Diese Zusammenhänge waren in den Daten nicht vorhanden. Sie entstanden im Kopf des Betrachters, weil die Begriffe inhaltlich zueinander zu passen scheinen.
Das nennt man illusorische Korrelation, und der bittere Teil des Befundes ist: Berufserfahrung schützt nicht davor. Sie verstärkt die Überzeugung eher, weil jeder scheinbare Treffer als Bestätigung verbucht wird.
Ich habe zwanzig Jahre Erfahrung mit diesen 36 Karten. Nach dieser Forschung heißt das nicht, dass ich sie besser lese. Es heißt, dass ich mir meiner Treffer sicherer bin. Das ist etwas anderes, und ich halte es für den ehrlichsten Satz in diesem Text.
Was ich als Erklärung nicht mehr anbiete
An dieser Stelle könnte ich es mir leicht machen. Es gibt eine ganze Reihe populärer Studien, die wunderbar zu einer freundlichen Erklärung des Kartenlegens passen würden. Ich lasse sie weg, und zwar aus einem Grund, den ich für wichtiger halte als die Erklärung selbst: Sie haben die Überprüfung nicht überstanden.
Kontrollverlust erzeugt Mustererkennung. Jennifer Whitson und Adam Galinsky veröffentlichten 2008 in Science sechs Experimente, die zeigten: Wer sich einflusslos fühlt, sieht mehr Muster in Rauschen, glaubt eher an Verschwörungen, wird abergläubischer. Eine perfekte Erklärung dafür, warum Menschen in unsicheren Lebensphasen zu den Karten greifen. Michiel van Elk und Kollegen (2018) haben es mit sieben Experimenten und rund 685 Personen erneut versucht. Kein einziger signifikanter Effekt; die Bayes-Analysen sprachen positiv für die Nullhypothese. Die Stichproben der Originalstudie lagen zwischen 25 und 50 Personen pro Experiment.
Rituale beruhigen. Die bekanntesten Arbeiten dazu stammen aus einem Labor, dessen Daten inzwischen als unzuverlässig gelten. Die Studie zur Wirkung von Ritualen gegen Auftrittsangst (Brooks und Kollegen, 2016) wurde 2024 zurückgezogen. Zur älteren Arbeit über Rituale bei Trauer (Norton und Gino, 2014) haben die Beteiligten selbst offengelegt, dass die Rohdaten zur Überprüfung nicht vorliegen. Unabhängige vorab registrierte Replikationen gibt es nicht.
Glücksbringer verbessern die Leistung. Die Studie von Damisch, Stoberock und Mussweiler (2010) mit dem „Glücksball“ beim Golfputten ist bis heute in jedem Populärartikel zu finden. Sie hat zwei große vorab registrierte Replikationsversuche nicht überstanden – einen davon, 2014, mit Unterstützung der Originalautorin selbst, einen zweiten an der Universität Mannheim (Dickhäuser und Kollegen, 2020). Beide Male lag der Effekt nahe null.
Die Kontrollillusion. Ellen Langers Studien von 1975, nach denen Menschen sich Einfluss auf reinen Zufall zuschreiben, sobald sie selbst wählen dürfen, gelten als Klassiker. Klusowski, Small und Simmons (2021) haben das in 17 vorab registrierten Experimenten mit 10.825 Personen geprüft. Ihr Ergebnis in einem Satz: Wahlfreiheit erzeugt keine Kontrollillusion.
Ich führe das nicht auf, um klug zu wirken. Ich führe es auf, weil das genau die Sorte Erklärung ist, die man auf Esoterikseiten findet – wissenschaftlich klingend, gut erzählbar, und in vier von vier Fällen überholt. Wenn ich schon behaupte, dass man Behauptungen prüfen sollte, kann ich nicht bei denen aufhören, die mir gefallen.
Was danach übrig bleibt, ist weniger. Aber es hält.
Was übrig bleibt: Du erklärst es Dir selbst
Der stabilste Befund, der zum Kartenlegen passt, kommt aus der Lernforschung und heißt Selbsterklärungseffekt. Wer sich Material nicht nur durchliest, sondern sich selbst laut erklärt, warum etwas mit etwas anderem zusammenhängt, versteht und löst besser. Bisra und Kollegen (2018) haben 64 Studien mit rund 6.000 Teilnehmenden zusammengefasst und einen mittleren Effekt von g = 0,55 gefunden – über Altersgruppen und Aufgabentypen hinweg konsistent.
Entscheidend ist die Einschränkung, die in der Definition steckt: Es geht nicht ums Nacherzählen. Es geht darum, Zusammenhänge zu bilden – dieses hängt mit jenem zusammen, weil. Für reines Faktenwissen zeigt sich der Effekt nicht.
Und jetzt kommt der Teil, den ich für den Kern der ganzen Sache halte.
Man könnte annehmen, es sei das Gegenüber, das die Klärung bringt – der Kartenleger, der zuhört. 2023 haben Forschende genau das getestet, in einem Aufbau, der aus der Programmiererfolklore stammt: Dort erklärt man einer Gummiente sein Problem, bis man selbst darauf kommt. 101 Personen dachten laut nach – vor einem sozialen Roboter, der aufmerksames Zuhören simulierte, oder vor einer leblosen Gummiente. Der Roboter war nicht besser als die Ente.
Die Karten müssen nichts wissen. Der Zuhörer offenbar auch nicht.
Was gebraucht wird, ist ein Anlass, die eigene Lage in Worte zu fassen, und eine Struktur, die verhindert, dass man dabei im Kreis läuft. Genau das ist eine Legung: 36 feste Begriffe, eine feste Position für jede Karte, eine feste Reihenfolge. Du musst Deine Situation in dieses Raster übersetzen, und beim Übersetzen entstehen Sätze, die Du ohne das Raster nicht formuliert hättest. Wie groß die Legung ist, spielt dabei keine Rolle – schon eine einzelne Tageskarte reicht als Anlass.
Ich halte es für kein Detail, dass die Bedeutungen im Lenormand festliegen und nicht frei assoziierbar sind. Freie Assoziation liefert Dir, was Du ohnehin denkst. Ein festes Raster liefert Widerstand. Wenn die Sense auf Position drei liegt, musst Du Dich mit „Schnitt“ auseinandersetzen, auch wenn Du gerade lieber über etwas anderes nachdenken würdest. Das ist meine Erklärung, keine Studienlage – aber es ist die Erklärung, die zu den Befunden passt, die halten.
Darin unterscheidet sich das Lenormand vom Tarot. Die Tarotkarten leben davon, dass ihre Bilder viel zulassen – man deutet sie, und die Deutung wird der eigenen Lage nachgeformt. Die 36 Lenormandkarten geben stattdessen enge Begriffe vor. Für den Mechanismus, um den es hier geht, ist das ein Vorteil: Ein enger Begriff leistet mehr Widerstand als ein offenes Bild.
Das ist zugleich die nüchterne Antwort auf die Frage nach der Intuition: Sie liefert beim Legen keine Information, die vorher nicht da war. Was sie tut, ist, das Raster mit dem zu füllen, was Dich gerade beschäftigt – das ist nicht wenig, aber es ist etwas anderes als Wissen.
Es hilft auch dann noch, wenn Du weißt, wie es funktioniert
Der naheliegende Einwand an dieser Stelle: Wenn ich weiß, dass die Karten nichts wissen, ist der Zauber doch weg.
Empirisch ist das nicht so eindeutig. Die Placeboforschung hat sich seit fünfzehn Jahren mit einer Frage beschäftigt, die genau hier hängt: Wirkt ein Placebo auch, wenn man den Patienten offen sagt, dass es eines ist? Ted Kaptchuk und Kollegen (2010) gaben 80 Patienten mit Reizdarmsyndrom Pillen mit der ausdrücklichen Erklärung, es handele sich um eine wirkstofffreie Substanz. Die Gruppe mit den offen deklarierten Placebos berichtete deutlich mehr Linderung als die unbehandelte.
Diese Studie war klein, und die Autoren selbst nannten sie eine Machbarkeitsstudie. Inzwischen gibt es eine belastbarere Grundlage: Fendel und Kollegen (2025) haben 60 randomisierte Studien mit 4.554 Personen zusammengefasst. Der Gesamteffekt liegt bei g = 0,35 – deutlich kleiner als in den ersten Arbeiten, aber vorhanden.
Und hier steht die Zahl, auf die es ankommt: Bei selbstberichteten Ergebnissen liegt der Effekt bei 0,39. Bei objektiv gemessenen liegt er bei 0,09, also praktisch bei null. Ein Teil auch davon ist vermutlich keine echte Besserung, sondern Antworttendenz – man berichtet freundlicher, wenn man etwas bekommen hat.
Für das Kartenlegen ist das eine ehrliche und eine brauchbare Nachricht zugleich. Ehrlich: An Deinen Laborwerten, an Deiner Kündigungsfrist, an der Entscheidung eines anderen Menschen ändert eine Legung nichts. Brauchbar: Beim subjektiven Befinden – ob eine Lage sich sortiert anfühlt oder chaotisch – ist der Effekt genau dort angesiedelt, wo er messbar bleibt, auch wenn niemand getäuscht wird.
Wo es aufhört
Ein Text, der erklärt, warum etwas nützt, muss dazusagen, wann es schadet. Beim Kartenlegen gibt es dafür klare Grenzen, und keine davon hat mit den Karten zu tun.
Eine Legung ersetzt keine medizinische, juristische oder finanzielle Abklärung. Nicht, weil das eine unseriöse Anwendung wäre, sondern weil die Karten zu genau diesen Fragen erwiesenermaßen nichts beitragen. Wer die Frage „Ist das ernst?“ an ein Kartenbild richtet statt an eine Praxis, verliert Zeit, die zählt.
Eine Legung ersetzt keine Behandlung. Wenn eine Belastung länger anhält, wenn Schlaf, Antrieb oder Appetit dauerhaft kippen, gehört das in ärztliche oder therapeutische Hände. Zum Selbstgespräch mit einem festen Raster gibt es Erwachsenere: strukturierte Selbsthilfe, Beratungsstellen, Psychotherapie.
Das eigentliche Risiko ist die Wiederholung. Wer dieselbe Frage dreimal legt, bis das Bild passt, hat den Mechanismus, der oben beschrieben wurde, gegen sich statt für sich arbeiten lassen. Ich schreibe seit Jahren dieselbe Regel in meine Deutungstexte: Zieh die Legung nicht gleich noch einmal, wenn Dir das Bild nicht gefällt. Nach der Forschung zur selektiven Informationssuche ist das nicht Kartenleger-Etikette, sondern die einzige wirksame Gegenmaßnahme, die es hier gibt. Und wenn eine Legung Dich erschreckt hat, gilt dasselbe: das Bild stehen lassen und später noch einmal ansehen, statt sofort neu zu ziehen.
Und das Delegieren. Wenn eine Entscheidung nicht mehr Deine ist, weil die Karten sie getroffen haben, ist der Nutzen ins Gegenteil gekippt. Der Punkt der Übung ist, dass Du formulierst, was Du denkst – nicht, dass Dir jemand die Verantwortung abnimmt.
„Aber es ist genau so eingetroffen"
Das ist der Einwand, den ich am häufigsten höre, und er ist der stärkste. Er lautet nicht „manchmal passt etwas“. Er lautet: Es ist exakt so gekommen, wie sie es gesagt hat – ich weiß noch, mit welchen Worten. Solche Berichte gibt es in großer Zahl, ich bekomme sie seit Jahren, und ich habe selbst welche.
Mit selektiver Wahrnehmung allein ist das nicht erklärt. Da hat der Einwand recht. Es sind aber vier verschiedene Dinge im Spiel, und die multiplizieren sich.
Erstens: Der erinnerte Wortlaut ist fast nie der gesprochene. Das ist der Punkt, an dem sich der Einwand entscheidet, denn er stützt sich ja gerade auf die Präzision der Erinnerung. William Brewers Untersuchung von 1977 ist hier unangenehm deutlich: Versuchspersonen bekamen Sätze vorgelesen und sollten sie später wörtlich wiedergeben. Wörtlich korrekt waren 19,1 Prozent. Häufiger – bei 26,4 Prozent – war eine andere Art von Antwort: die Schlussfolgerung aus dem Satz, wiedergegeben als sein Wortlaut. Aus „Das morsche Regal gab unter den Büchern nach“ wurde „Das morsche Regal brach zusammen“. Aus „Die Python erwischte die Maus“ wurde „Die Python fraß die Maus“.
Das ist genau der Vorgang, um den es hier geht. Gesagt wurde „da kommt Bewegung in die Sache“. Erinnert wird „sie hat gesagt, ich bekomme die Stelle“ – und zwar erinnert als Wortlaut, nicht als eigene Deutung. Die Gedächtnisforschung erklärt auch, warum: Die Oberfläche eines Satzes, die exakte Wortwahl, wird schon nach Sekunden unzugänglich (Sachs, 1967), während die Bedeutung bleibt. Wird später nach dem Wortlaut gefragt, wird er aus der Bedeutung rekonstruiert. Diese Rekonstruktion fühlt sich nicht wie Rekonstruktion an. Sie fühlt sich wie Erinnerung an.
Zweitens: Sicherheit ist kein Genauigkeitsmaß. Der Gedanke „ich weiß es genau“ ist unser natürlicher Prüfstein – und er hält nicht. Ulric Neisser und Nicole Harsch befragten Studierende am Morgen nach dem Challenger-Unglück 1986, wo sie davon erfahren hatten, und zweieinhalb Jahre später erneut. Von 44 Personen erreichten 11 null von sieben möglichen Punkten – kein einziges Kerndetail stimmte. Die mittlere Sicherheit lag bei 4,17 von 5. Als man ihnen ihren eigenen handschriftlichen Fragebogen von damals vorlegte, hielten viele an der neuen Version fest.
Das ist kein Einzelbefund. William Hirst und Kollegen haben nach dem 11. September 3.246 Menschen befragt und 391 davon über zehn Jahre begleitet: Nach drei Jahren stimmten 57 Prozent der Angaben noch mit den eigenen ursprünglichen überein, die Sicherheit war unverändert hoch geblieben. Und über die zehn Jahre wurden die abweichenden Erinnerungen nicht korrigiert, sondern wiederholt. Die falsche Fassung wird mit jedem Erzählen fester.
Drittens: Niemand legt vorher fest, was als Treffer gilt. Persi Diaconis und Frederick Mosteller haben 1989 beschrieben, warum verblüffende Übereinstimmungen viel häufiger sind, als das Bauchgefühl erlaubt. Ihr Kernpunkt für unseren Fall: Wenn das Trefferkriterium nicht vorab festliegt, zählt alles, was ungefähr passt, als exakter Treffer. Ihr Beispiel ist das Geburtstagsproblem – für zwei identische Geburtstage in einer Gruppe braucht es 23 Personen, für zwei Geburtstage im Abstand von einem Tag nur noch 14. Ein bisschen Nachsicht beim Kriterium, und die Trefferrate steigt sprunghaft.
Eine Legung enthält Dutzende möglicher Anknüpfungspunkte. Ein Ereignis auch. Was zusammenpasst, wird zusammengelegt; was nicht passt, wird nicht als Fehlschlag verbucht, sondern gar nicht erst betrachtet.
Viertens: Was mich erreicht, ist vorsortiert. Eine Deutung, die nicht eintrifft, gibt niemandem Anlass, mir zu schreiben. Eine, die eintrifft, schon. Selbst bei reiner Zufallstrefferquote entsteht so ein Berichtebestand, der fast nur aus Treffern besteht – und der wirkt dann erdrückend. Das ist eine logische Überlegung, kein Forschungsbefund; für Kartendeutungen hat das niemand untersucht. Was untersucht ist: Richard Wiseman und Emma Greening zeigten Versuchspersonen ein Video, in dem ein unbewegter Schlüssel liegt, während eine Stimme sagt, er verbiege sich weiter. Rund 40 Prozent berichteten anschließend, sie hätten die Bewegung gesehen – und von diesen gaben fast 90 Prozent an, es habe niemand so etwas gesagt. Die Suggestion wirkte, ohne selbst erinnert zu werden. In einer Nachfolgestudie stieg die Rate weiter, sobald eine zweite Person die Beobachtung bestätigte.
Bleibt die Frage, wie man das entscheiden könnte. Die Antwort ist unspektakulär: Man muss die Aussage vorher aufschreiben – wörtlich, mit Datum, vor dem Ereignis – und hinterher jemanden urteilen lassen, der die Legung nicht kannte. Wo das gemacht wurde, sind die Trefferquoten zusammengefallen. Die umfangreichste Sammlung dieser Art umfasst über 3.800 öffentlich datierte Vorhersagen aus zwanzig Jahren; rund 11 Prozent trafen zu, während eine Kontrollgruppe durch bloßes Raten auf 27 Prozent kam. Diese Auswertung stammt von einer Skeptikerorganisation und ist nicht begutachtet – ich führe sie deshalb mit diesem Vorbehalt an. Sie passt aber zu allem, was unter kontrollierten Bedingungen gefunden wurde.
Und der ehrliche Rest: Ich habe diese Erklärung, ich halte sie für richtig, und sie ändert nichts daran, wie sich so ein Treffer anfühlt. Das Wissen darum löst das Erlebnis nicht auf. Es ordnet es nur anders ein.
Was niemand untersucht hat
Ich könnte diesen Text mit der Behauptung schließen, eine Kartenlegung wirke wie eine psychologische Kurzintervention. Das klingt gut, es passt zu allem oben, und es ist nicht belegt.
Es gibt keine einzige kontrollierte Studie, die eine Kartenlegeberatung gegen eine Kontrollbedingung geprüft hätte. Was existiert, sind theoretische Aufsätze und ethnografische Arbeiten. Der Umweg über die allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie trägt weniger, als man denkt: Cuijpers, Reijnders und Huibers (2019) kommen in ihrer Übersicht zu dem Schluss, dass derzeit kein einziger allgemeiner Wirkfaktor die Kriterien für einen empirisch belegten Wirkmechanismus erfüllt; die vielzitierte Beziehungsqualität erklärt rund 7,5 Prozent der Ergebnisvarianz und das rein korrelativ.
Was ich also sagen kann, ist genau so viel: Es gibt einen gut belegten Mechanismus – sich eine Lage selbst zu erklären hilft messbar –, und eine Legung ist eine Anordnung, die diesen Mechanismus zuverlässig auslöst. Ob das in einer kontrollierten Studie standhielte, weiß niemand, weil sie niemand gemacht hat.
Das ist unbefriedigend. Es ist aber ehrlicher als jede Zahl, die ich an dieser Stelle erfinden könnte.
Fazit
Die Karten wissen nichts. Sie sagen nichts vorher, sie kennen keine Termine, sie lesen keine fremden Gedanken – das ist getestet, mehrfach, und das Ergebnis ist eindeutig.
Was beim Legen tatsächlich passiert, ist unspektakulärer und stabiler: Ein festes Bild aus 36 Begriffen zwingt Dich, eine unklare Lage in Worte zu fassen, und zwar in andere Worte als die, in denen Du ohnehin schon denkst. Das verbessert nachweislich, wie gut Menschen einen Zusammenhang durchdringen. Es funktioniert auch, wenn Du weißt, wie es funktioniert. Und es braucht weder eine Kraft in den Karten noch einen Zuhörer, der etwas weiß.
Wem das zu wenig ist, der sucht etwas anderes als Klarheit. Wem es reicht, der hat ein ziemlich gutes Werkzeug in der Hand – solange er es nicht für ein Orakel hält.
Häufige Fragen zur Wirkung des Kartenlegens
Ist Kartenlegen dann reine Einbildung?
Nein – aber die Wirkung liegt woanders, als meist behauptet wird. Dass die Karten Ereignisse vorhersagen, ist widerlegt. Dass das Formulieren und Sortieren einer Lage messbar hilft, ist belegt. Beides gleichzeitig anzuerkennen ist die genaueste verfügbare Beschreibung.
Warum treffen Deutungen dann so oft zu?
Weil allgemein gehaltene, wohlwollende Aussagen sich für fast jeden persönlich zutreffend anfühlen – der Forer-Effekt, seit 1949 vielfach bestätigt. Dazu kommt, dass wir Treffer besser erinnern als Fehlschläge und unsere frühere Einschätzung im Rückblick für präziser halten, als sie war.
Funktioniert es noch, wenn ich diesen Text gelesen habe?
Vermutlich ja. Die Forschung zu offen deklarierten Placebos zeigt kleine, aber messbare Effekte auf das Befinden, obwohl die Beteiligten wissen, woran sie sind. Auf objektiv messbare Größen wirkt es nicht – das galt aber vorher schon.
Bei mir ist eine Vorhersage aber wortwörtlich eingetroffen. Wie erklärt sich das?
Der erinnerte Wortlaut ist fast nie der gesprochene. Die exakte Wortwahl eines Satzes wird schon nach Sekunden unzugänglich, die Bedeutung bleibt – und wird später als Wortlaut rekonstruiert, ohne dass man das merkt. In einer klassischen Untersuchung von 1977 gaben Versuchspersonen häufiger die Schlussfolgerung aus einem Satz als seinen Wortlaut wieder als den Wortlaut selbst. Dazu kommt, dass Erinnerungssicherheit und Erinnerungsgenauigkeit auseinanderfallen: Nach dem 11. September stimmten drei Jahre später nur noch 57 Prozent der Angaben mit den eigenen ursprünglichen überein, die Sicherheit war unverändert hoch.
Brauche ich dafür überhaupt einen Kartenleger?
Nach der einzigen direkten Untersuchung dieser Frage nicht. Ein aufmerksam wirkender Gesprächspartner schnitt in dem Experiment nicht besser ab als ein lebloses Objekt. Was zählt, ist, dass Du formulierst – nicht, wer zuhört.
Ist das nicht widersprüchlich – Karten legen und wissenschaftlich arbeiten?
Nur wenn man von den Karten eine Behauptung über die Welt erwartet. Ich erwarte das nicht. Ich benutze ein festes Raster, um über unklare Lagen nachzudenken, und ich sage dazu, was es leistet und was nicht.
Wann sollte ich die Karten weglegen?
Wenn Du dieselbe Frage wiederholt legst, bis das Bild passt. Wenn eine Entscheidung nicht mehr Deine ist. Und immer dann, wenn die eigentliche Frage eine medizinische, juristische oder finanzielle ist – die gehört zu jemandem, der sie beantworten kann.
Ist Kartenlegen Zufall oder Schicksal?
Die Anordnung der Karten ist Zufall – das ist keine Abwertung, sondern die Voraussetzung dafür, dass das Verfahren überhaupt etwas bringt: Ein zufälliges Bild legt Dir etwas vor, auf das Du von selbst nicht gekommen wärst. Ein Schicksal, das in den Karten festgeschrieben stünde, ist dagegen nichts, wofür es einen Beleg gibt.

Damian Garrett
Legt seit 2005 die Lenormandkarten. Autor des Lenormand-Praxisbuchs und Entwickler eines eigenen Systems zur Deutung der Kartenkombinationen. Hauptberuflich in der psychologischen Lehre und Forschung. → Mehr über den Autor












